Rezension: Nussschale von Ian McEwan

Ian McEwan Nussschale Buchkritik
Ewan McEwan Nussschale Rezension


Ian McEwan gehört zweifellos zu den bedeutendsten Schriftstellern der Gegenwart. Seinen neuen - unlängst bei Diogenes erschienenen - Roman Nussschale habe ich noch am Silvesterabend ausgelesen. Das Buch ist ein Pageturner! Dennoch hat meine Rezension auf sich warten lassen: Nussschale ist eines dieser Bücher, die lange nachhallen und mit deren Verstehen man nicht leicht ans Ende kommt.


In der Literatur tummeln sich ganz und gar unmöglichliche Erzählertypen. Serienmörder, die in Anzügen von Brioni abscheuliche Morde begehen, Pädophile, die ihre Schandtaten als Liebesglück zu verkaufen versuchen, oder auch Katzen, die Kriminalfälle lösen. Wer glaubte, es könnte in dieser Hinsicht keine Überraschungen mehr geben, hat seine Rechnung ohne Ian McEwan gemacht. Mit Blick auf Nussschale könnte man - in Anlehnung an Nabokov - sagen: «You can always count on a fetus for a fancy prose style»! 

«So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau. Ich warte, die Arme geduldig gekreuzt, warte und frage mich, in wem ich bin und worauf ich mich eingelassen habe.» McEwans Erzähler - laut seinem Schöpfer ein unbedingt zuverlässiger Erzähler - steht wenige Tage vor seiner Geburt. Noch im Bauch seiner Mutter breitet sich das ganze familiäre Drama, klassisch in seiner Konstellation, vor ihm aus: der Vater, die Mutter und der Liebhaber. Drei ist jedoch einer zu viel. Und so entspinnt sich ein sehr shakespeare'scher Plot aus List, Leidenschaft, Verrat und Mord. 

Überaus eloquent - seine Wortgewandtheit und sein umfangreiches Wissen zu allen möglichen Themen verdankt der Fötus seiner Mutter, die zu jeder Tages- und Nachtzeit den BBC Worldservice und diverse Podcasts hört - sinniert der ungeborene Erzähler auf den folgenden 274 Seiten über den Zustand der Welt, über Wissenschaft, über Philosophie, jedoch auch über sein Leben und die möglichen Folgen der, von seiner Mutter und ihrem Liebhaber geplanten, Bluttat. 

Trudy, die Mutter. Claude, der Liebhaber. Der Sohn, dessen Vater ermordet wird. Nussschale ist mit so vielen Anspielungen auf durchsetzt, dass der Leser alsbald unvermeidlich an Shakespeares The Tragedy of Hamlet - Prince of Denmark denken muss. Sein (durchaus humoristisches) Können beweist McEwan mit Sätzen wie: «Als wir zurück ins Zimmer kommen, ist er immer noch am Telefon, hat sich inzwischen aber für Dänisch statt für Indisch entschieden - belegte Brote, eingelegte Heringe und Hackbraten.»

Nussschale ist - wie gesagt - ein Pageturner. Spannend und brillant geschrieben. Jedoch auch klug, und voller Themen, die dieser Tage hohe Wellen schlagen: Die Flüchtlingskrise, die Weltpolitik.  McEwans Erzählung bleibt im Gedächtnis (vielleicht liest man den ein oder anderen Absatz noch einmal), auch wenn man das Buch bereite lange zugeklappt hat. Ebenso, wie man es von IanMcEwan gewohnt ist. Ein Muss! 



Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar!





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