Rezension: DIE GESCHICHTE EINES NEUEN NAMENS von Elena Ferrante

Meine geniale Freundinder erste Band der vierteiligen Neapolitanischen Saga aus der Feder von Elena Ferrante, endete mit einem Paukenschlag und einem mustergültigen Cliffhanger. Nun ist der zweite Band mit dem Titel Die Geschichte eines neuen Namens im Suhrkamp Verlag erschienen. Schaltet die Türklingel ab & den Flugmodus eures Handys ein: Es wird immer besser! Mir stellen sich an dieser Stelle folgende Fragen: Wie schreibt man eine Rezension zu einer Erzählung, von der man (noch) nicht weiß, wie sie endet? Und viel dringlicher: Wie überbrücke ich die Zeit bis zum Erscheinen von Die Geschichte der getrennten Weg im Mai? 

http://www.ktinka.com/2017/02/die-geschichte-eines-neuen-namens-elena-ferrante.html



Achtung hochansteckend: Das #FERRANTEFEVER 


Das #ferrantefever hat ohne Zweifel den deutschsprachigen Raum erreicht und das mediale Getöse um die Neapolitanische Saga ist unüberhörbar geworden. Besteller ist für mich kein Prädikat und sicherlich kein hinreichender Beweggrund um ein Buch zu lesen. Ganz im Gegenteil, muss ich gestehen. Dennoch, ich wurde neugierig und in der Buchhandlung griff ich mir Meine geniale Freundin und las den Klappentext: »Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich, Lila und Elena, schon als junge Mädchen beste Freundinnen, im Neapel der fünfziger Jahre …« Um Himmels Willen, dachte ich, das ist kein Buch für mich. Ein paar Tage später schlich ich jedoch wieder um den Roman herum. Dieses Mal las ich nicht nur den Klappentext, sondern auch die ersten Seiten und war augenblicklich so gefesselt, dass ich Meine geniale Freundin auf der Stelle kaufte und fast in einem Rutsch durchlas. Band 2 der Saga, Die Geschichte eines neuen Namens, ist randvoll mit Handlung und noch besser als sein Vorgänger. Aber der Reihe nach. 


Wovon handelt Ferrantes NEAPOLITANISCHE SAGA? 


Im Zentrum stehen Lila und Elena, genannt Lenù, ihre Freundschaft zueinander und das, was man schlicht »das Leben« nennen kann. Die Saga beginnt mit Lilas Verschwinden. Das ist die Rahmenhandlung der Erzählung und der Beginn von Meine geniale Freundin: »Heute Morgen hat mich Rino angerufen, ich dachte, er wollte wieder einmal Geld, und wappnete mich, es ihm zu verweigern. Doch der Grund seines Anrufs war ein anderer. Seine Mutter war unauffindbar.« Elena, genannt Lenù, die Stimme der Erzählung, beginnt daraufhin zu Schreiben. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt, in das Neapel der 50er Jahre. »Ich schaltete den Computer ein und begann unsere Geschichte aufzuschreiben, in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist.«



Worum geht es in DIE GESCHICHTE EINES NEUEN NAMENS?


Es sind große Themen, die Ferrante im zweiten Band der Saga behandelt. Die Zwänge des Patriarchats, Liebe und Leidenschaft. Und natürlich die Freundschaft und immer wieder aufkeimende Rivalität zwischen Lina und Lenù. Fast schon kann man die Saga eine Milieustudie nennen, ein Sittengemälde der neapolitanischen Gesellschaft zu jener Zeit. Die Geschichte eines neuen Namens erzählt die Jugendzeit der beiden Freundinnen. Aus den kleinen, mit Puppen spielenden Mädchen, sind junge Frauen geworden. Obwohl im gleichen Rione, dem gleichen Viertel Neapels, aufgewachsen, sind die Wege der Freundinnen höchst unterschiedlich. Während Lenùs Eltern ihr gestatten weiter zur Schule zu gehen und das Gymnasium zu besuchen, bleibt Lila, die beste und strebsamste Schülerin, der weitere Besuch einer Schule versagt. Während Lenù sich ihren Weg zum Abitur erkämpft und sich auf das anschließende Studium vorbereitet, bleibt Lila nur der traditionelle Weg der Heirat. Sie heiratet Stefano Carracci und das Ende von Meine geniale Freundin lies bereits erahnen, dass die Ehe von Lila und Stefano, dem Besitzer einer Salumeria, unter keinem guten Stern steht. 


Aus Lila Cerullo wird Lila Carracci  


Raffaella Cerullo, Lina oder Lila genannt, ist für mich eine der faszinierendsten und spannendsten Frauenfiguren, welche die Gegenwartsliteratur in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Lila ist klug, viel klüger als alle anderen. Sie ist, im übertragenen Sinne, stark, viel stärker als alle anderen. Und mitunter kann sie auch brandgefährlich sein. An einer Stelle im Roman erklärt Lenù: »Ich sagte, Lila mache beim ersten Mal nie einen guten Eindruck. Schon als kleines Mädchen habe sie Ähnlichkeit mit einem Teufel gehabt, und das sei sie auch wirklich, aber in einem gutem Sinn. Sie habe eine schnelle Auffassungsgabe und könnte erfolgreich, egal was ihr unterkomme, einen großen Eifer entwickeln. Hätte sie weiter zur Schule gehen dürfen, wäre sie eine Wissenschaftlerin wie Madame Curie geworden oder eine wahrhaft große Romanautorin wie Grazia Deledda oder sogar so eine wie Togliattis Signora, Nilde Iotti.« Während meine Sympathie für Lila mit jedem Kapitel wuchs, blieb mir Lenù seltsam fremd. Lila bildet für mich so sehr das Zentrum der Erzählung, dass jedes Kapitel, in dem es nicht um sie geht, fast - pardon - langweilig war.  


Erzählstil & literarischer Anspruch


Erzählt wird durchgängig in einer schönen, wenngleich einfachen und schmucklosen Sprache. Sehr klar, sehr ruhig. Fast, so scheint es, als Gegengewicht zu Lilas ungestümen Charakter. Die Sprachmelodie entfaltet sich nebenbei bemerkt vollends, wenn der Text laut gelesen wird. Dann zeigt sich, wie sehr der eingängige Ton die Erzählung trägt und den Leser in ein dicht gewebtes Netz von Hauptfiguren und Nebenfiguren entführt. Ein ums andere Mal musste ich auf das vom Verlag beigelegte Lesezeichen schauen, auf dem alle Namen der Figuren und ihre Zugehörigkeit zu der jeweiligen Familie samt Beruf aufgezählt sind. Es ist ein in kleiner Kosmos! Ich bin gespannt, ob Ferrante diese literarische Qualität durchhält. Und ich wünsche mir noch den ein oder anderen erzählerischen und plotttechnischen Kniff. 


Das Warten beginnt ...


Nun gilt es geduldig zu sein. Band 3 der Saga trägt den Namen Die Geschichte der getrennten Wege und wird im Mai erscheinen. Thema sind die Erwachsenenjahre der beiden Frauen. Band 4, Die Geschichte des verlorenen Kindes, wird im Oktober erscheinen und die späten Jahre der beiden Frauen zum Thema haben. Ich kann es kaum erwarten, denn tatsächlich treibt mich die Frage um: Wie geht es weiter mit Lila?  Time goes by so slowly for those who wait ... (Ob Lila Madonna mag? Bestimmt!)


Mini-Fakten, für Literatur-Nerds ... 


Von New York bis Berlin fragt man sich: Wer steckt dem Pseudonym 'Elena Ferrante'? Schlagzeilen machte Ende letzten Jahres die Meldung, zwei investigative Journalisten hätten die Identität der Schriftstellerin aufgedeckt. In einem Interview, das der SPIEGEL mit Elena Ferrante per E-Mail geführt hat, erklärte die Schriftstellerin, sie würde schlicht und einfach aufhören zu publizieren, sollte ihre Identität 'enthüllt' werden. Es bleibt also zu hoffen, dass die Journalisten mit ihrer Enthüllung falsch lagen. Oder Frau Ferrante es sich anders überlegt!


Hat euch das Ferrante-Fieber ebenfalls erwischt? Wie gefallen euch die Bücher? 
(Kennt ihr Elenaferrante.de schon?) 


Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar von
DIE GESCHICHTE EINES NEUEN NAMENS!

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