Rezension: DER LÄRM DER ZEIT von Julian Barnes

Julian Barnes gehört zu den großen Literaten unserer Zeit. Die Romane des englischen Schriftstellers sind immer geistreich, bewegend und noch dazu glänzend erzählt. Es scheint, als könne Barnes nur brillante Romane schreiben! Auch sein jüngster Roman Der Lärm der Zeit, unlängst bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, bildet keine Ausnahme. Julian Barnes erzählt - auf seine Weise - das Leben des sowjetischen Komponisten und Pianisten Dmitri Schostakowitsch.


Julian Barnes Der Lärm der Zeit Rezension



Er tost (wieder), der Lärm der Zeit! 


Eindringlich und unermüdlich warnten kleine und große Nachrichtenblätter, Journalisten und Künstler in den vergangenen Monaten: Wenn wir nicht aufpassen, ist die Demokratie in Gefahr! Es kann einem schon mulmig zu Mute werden: 2017 ist das große Wahljahr in Europa. Rechtspopulisten wie Frauke Petry & der Rest der AfD, Marine Le Pen &/oder Geert Wilders schreien lauter und unverschämter als alle anderen. Die Präsidentschaftswahl in den USA hat manch einem einen gewaltigen Schreck versetzt, die Vorkommnisse in der Türkei und die Veränderungen (euphemistisch ausgedrückt), mit denen zu rechnen ist, verursachen Bauchschmerzen. Welchen Beitrag kann die Literatur leisten, wenn alle Augen und Hoffnungen auf die Politik gerichtet sind? In The Catcher in the Rye von J.D. Salinger heißt es: 

Among other things, you'll find that you're not the first person 
who was ever confused and frightened and 
even sickened by human behavior. 
You're by no means alone on that score, 
you'll be excited and stimulated to know. 
Many, many men have been just as troubled morally 
and spiritually as you are right now. 
Happily, some of them kept records of their troubles. 
You'll learn from them - if you want to. 
Just as someday, if you have something to offer, 
someone will learn something from you. 
It's a beautiful reciprokal arrangement. 
And it isn't education. It's history. It's poetry.  


Freiheit in all ihrem Formen - wer (das große Glück hat) in eine Demokratie hineingeboren worden zu sein,  der mag sich mit der Vorstellung schwer tun, dass man auch gänzlich anders leben kann. Dass es Menschen gibt, die gänzlich anders Leben müssen. Diesen Alptraum führt Barnes dem Leser von Der Lärm der Zeit auf eindringliche Art und Weise vor.  Sein Protagonist ist kein geringerer als Dmitri Schostakowitsch, dem das Schicksal auferlegt wurde, ein Künstler in einer Diktatur zu sein.



Worum geht es in DER LÄRM DER ZEIT? 


Dmitri Schostakowitsch zählt zu den renommiertesten Komponisten seines Landes. Eines Tages besucht Josef Stalin höchstselbst die Aufführung einer seiner Opern im Bolschoi-Theater. Stalin, der Mann, dessen Untertanen minutenlang tosenden Applaus spenden mussten, da niemand es wagte als erster mit dem Klatschen aufzuhören, verließ schon in der Pause den Konzertsaal. "Das ist albernes Zeug, keine Musik!", soll das Urteil des Tyrannen gelautet haben. Der Artikel, der über die Aufführung in einer Zeitung gedruckt wird, ist niederschmetternd.

Es war Stalins Schuld, weil der den Leitartikel in der Prawda veranlasst und abgesegnet, vielleicht sogar selbst geschrieben hatte: Es gab genügend grammatikalische Fehler darin, um auf die Feder eines Mannes hinzudeuten, dessen Fehler nie korrigiert werden durften. 

Fortan lebt der Komponist in Angst und der Erwartung seiner Abholung durch den Geheimdienst. Seiner Familie will er den Anblick seiner Verhaftung ersparen, weshalb er Abend für Abend neben dem Aufzug wartet. Mit gepackten Koffer. 

Er wollte keine dramatische Figur aus sich machen. Aber manchmal, wenn seine Gedanken in den frühen Morgenstunden hierin und dorthin zuckten, dann dachte er: Das kommt also beim Lauf der Geschichte heraus. So viel Streben, Idealismus, Hoffnung, Fortschritt, Wissenschaft, Kunst und Gewissen, und am Ende steht ein Mann am Aufzug mit einem kleinen Koffer voller Zigaretten, Unterwäsche und Zahnpulver; er steht da und wartet darauf, dass sie ihn abholen.

Schostakowitsch wird nicht abgeholt. Im März 1949 erhält er einen Telefonanruf von Stalin. Seine Karriere ist nicht vorbei. Jedoch erwarten ihn harte moralische Prüfungen. 


Hinhören!


Julian Barnes fragt nicht direkt, aber dennoch eindringlich: Was macht einen Helden aus? Was ist Feigheit? Und wer hat das Recht darüber zu urteilen? Ein lehrreiches Buch, gerade in so bewegten Zeiten wir unseren. "Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.", befand schon Sören Kierkegaard. 


Vielen Dank an Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar!



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