Ein Festtag von Graham Swift



Es gibt Erzählungen, die enden nicht auf der letzten Seite und auch nicht mit dem Zuklappen des Buchdeckels. »Ein Festtag« (dtv Verlag) aus der Feder des britischen Schriftstellers Graham Swift ist so ein Roman. Ausgelesen habe ich das Buch schon seit letzter Woche, aber Ein Festtag hallt nach.
Die Briten, so scheint es, beherrschen es einfach, das Erzählen. Ian McEwan und Julian Barnes zählen unbestritten zu den bedeutendsten Schriftstellern der Gegenwart. Und auch Graham Swift, der 1949 in London geboren wurde, gilt seit dem Erscheinen seines Romans »Wasserland« zu den Stars der britischen Literaturszene. Ganz mühelos lässt sich Swift mit seinem jüngst erschienen Roman Ein Festtag neben McEwan und Barnes in die Riege der großen Erzähler unserer Zeit einreihen. Ein Festtag (engl. Mothering Sunday) zeigt der Schriftsteller seine großen Erzählfertigkeiten.
Geschrieben ist Ein Festtag aus der Perspektive der Protagonistin (und »modernen Schriftstellerin«) Jane Fairchild. Die Narration des Romans lässt das Herz eines jeden Literaturliebhabers höher schlagen. Mit Leichtigkeit wechselt Graham in Ein Festtagnicht nur zwischen den Zeitebenen, mit Bedacht und beinahe tastend, erzählt er von jenem verhängnisvollen Tag in Janes Leben. Aus einer Geschichte, die auf den ersten Blick so altmodisch, wie trivial erscheint, macht Swift eine Erzählung voller Poesie und Tiefe.
Der Klappentext lautet:
Jane, das junge Dienstmädchen von Beechwood, und Paul, der Spross aus begütertem Haus, haben ein Verhältnis. Heimliche Botschaften, verschwiegene Treffen, doch heute an diesem sonnigen Märzsonntag 1924, darf Jane – Familie und Dienerschaft sind ausgeflogen – ihr Fahrrad einfach an die Hausmauer des Anwesens lehnen, durch Hauptportal herein und ins Bett ihres Geliebten kommen. Ein erstes und ein letztes Mal, denn Paul wird bald – standesgemäß – heiraten.
Ein Festtag ist jedoch kein schwärmerischer, rührseliger und gefühlsduseliger Roman, wie der knappe (wenngleich durchaus zutreffende) Klappentext vermuten lassen könnte. Ganz im Gegenteil, der Roman hat Tiefe.
Das Lesen von Swifts Erzählung gleicht dem Durchstreifen eines großen, verwinkelten Baus, in dem Verborgenes aufgespürt werden kann. Ganz ähnlich wie Jane, die an einer Stelle des Romans, gänzlich unbekleidet, durch das verlassene Anwesen ihres Geliebten Paul, streift. Ein Festtag ist voll zarter Poesie, voller Symbolik (der Magnolienbaum), voller Sprach- und auch (oder gerade) Bildgewalt.
Sie wanderte von einem Zimmer zum anderen. Sie sah sich um und nahm alles auf, aber insgeheim beschenkte sie es auch. Sie schien mit dem Wissen durch die Räume zu schweben, dass ihr Besuch in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit – sie hatte keine Faser am Leib – unbemerkt bleiben würde, dass niemand je davon erfahren würde. Als würde ihre Nacktheit ihr nicht nur Unsichtbarkeit verleihen, sondern sie auch der Dinglichkeit entheben.
Ein Festtag lässt mich an André Bretons Worte »Un mot et tout est perdu, un mot et tout est sauvé.« denken. Swifts Roman stellt große (philosophische) Fragen an das Erzählen.(»Nur ihr Körper sollte sprechen. Sie wollte nichts verfälschen oder auslöschen, indem sie törichterweise Sprache verwendete.«) Immer wieder kreist die Erzählung um die Frage, wie angemessen und der Wahrheit entsprechend ein Wort ist. Oder auch wie unzulänglich Sprache sein kann.
All die Szenen. Sie sich vorzustellen hieß, sich das, was möglich war, vorzustellen, oder aber das, was wirklich war, vorwegzunehmen. Es hieß aber auch, das, was nicht existierte, heraufzubeschwören.
Ein Festtag ist ein Buch, über das man nicht allein sprechen kann. Es ist ein Buch, über das man reden muss, über das man diskutieren muss. Man muss darin blättern, Passagen noch einmal lesen. Eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr lesen durfte!
EIN FESTTAG – GRAHAM SWIFT
dtv Verlag. 136 Seiten. 144 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Vielen Dank an den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar!