Die Kieferninsel von Marion Poschmann



Marion Poschmanns Roman »Die Kieferninseln« (Suhrkamp Verlag) hat es auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft. Es ist der erste Roman, den ich von der diesjährigen Shortlist lese, aber es zeichnet sich ab: Die Jury wird es schwer haben.
Im Klappentext heißt: „Im Teeland Japan mischen sich Licht und Schatten, das Freudianische Über-Ich und die dunklen Götter des Shintoismus. Und die alte Frage wird neu gestellt: Ist das Leben am Ende ein Traum?“ Treffend! Aber keine Bange: Wer will, kann unendliche viele Fragen an Die Kieferninseln stellen. Wer das nicht möchte, der kann Poschmanns Erzählung auch einfach nur genießen. Denn, das ist sie: Ein literarischer Genuss.
Der Anfang von Marion Poschmanns Roman Die Kieferninseln, erinnert ein wenig an den weltberühmten ersten Satz von Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“, der da lautet: “Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Bei Poschmann verwandelt sich Gilbert Silvester, so der Name ihres Protagonisten, nicht in ein Insekt, jedoch erwacht Gilbert aus einem Traum mit der festen Überzeugung seine Frau Mathilda der Untreue überführt zu haben: „Er hatte geträumt, daß seine Frau ihn betrog. Gilbert Silvester erwachte und war außer sich.“

Die Kieferninseln: Traum und Wirklichkeit geraten ins Wanken

Gilbert, seines Zeichens Privatdozent an einer Universität, recht unzufrieden mit seiner beruflichen Situation, nimmt diesen Traum für bare Münze. Die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit gerät in Die Kieferninseln als erstes ins Wanken. Später in der Erzählung gesellen sich Vergangenheit und Gegenwart, Schein und Sein zu den verlorenen Konstanten hinzu. Marion Poschmann schreibt über einen Schwebezustand, über ein ständiges dazwischen.
Gilbert findet sich, nach seiner vermeintlichen Enthüllung, deren Richtigkeit das Leugnen seiner Frau in seinen Augen nur noch eindrücklicher bestätigt, in einem Flugzeug auf dem Weg nach Tokyo, Japan wieder, in dem „früheste(n) Interkontinentalflug, den er so kurzfristig hatte buchen können.“ In Tokyo angekommen, kauft Gilbert sich „einen Reiseführer und paar japanische Klassiker in englischer Übersetzung. Die Werke Bashōs, das Genji Monogatari, das Kopfkissenbuch.“
Nach der nächtlichen Lektüre von Bashōs Reisebeschreibungen im Hotel, beschließt Gilbert seinerseits den Weg Bashōs zu erkunden. Sein Ziel: Die Kieferninseln an der Küste Japans. Seine Reise innerhalb der Reise, Gilbert nennt sie “sein Projekt der Abwendung”, unternimmt er nicht allein, sondern gemeinsam mit einem jungen Japaner, der den (unwahrscheinlichen, aber treffenden) Namen Yosa Tamagotchi trägt. Gilbert trifft Yosa ausgerechnet nach seinem ersten, ernüchternden Telefonat mit seiner Frau Mathilda nach seiner spontanen und überstürzten Abreise nach Japan. Yosa, der sich als gescheitert sieht, will sich das Leben nehmen. Fortan nimmt Gilbert Yosa unter seine Fittiche.
Tagesrestträume, heißt das – im Roman selbst genannte – Stichwort. Die Erzählung ist so unmittelbar aus der Perspekive Gilberts erzählt, dass alles, was irgendwie den Weg in sein Unterbewusstsein findet, auch – gänzlich unkommentiert von einer äußeren Instanz, abgesehen von den wenigen Redeanteilen Mathildas – den Weg in die Erzählung findet. Was ist Realität? Was ist Traum? Was formt, was prägt die Gedanken?

fünf – sieben – fünf

Wiederkehrend ist das Thema der japanischen Dichtkunst, insbesondere das Haiku, einer besonderen japanische Versform. Gilbert beginnt auf seiner Reise selbst zu dichten. Ein Haiku ist an eine strenge Form gebunden. Es besteht aus drei Zeilen, die erste und die letzte Zeile bestehen jeweils zwingend aus fünf Lauteinheiten, während die mittlere Zeile zwingend aus sieben Lauteinheiten besteht.
Auf besondere Weise ist Yosa eine der schönsten literarischen Figuren, die mir in den letzten Monaten begegnet sind. Das ist etwas verwunderlich, denn Yosa ist eigentlich nicht besonders interessant, nicht einmal besonders sympathisch. Yosa ist eigentlich nichts. Für die Konzeption des Romans jedoch ist er alles. Die Figur Yosa ist ein wichtiges Element zur Gestaltung der Rätselhaftigkeit, der Traumhaftigkeit, die den gesamten Roman umgibt: “Er [Gilbert] ließ die Schale eine Weile stehen, damit der Tee abkühlte, führte sie schließlich äußerst vorsichtig zum Mund. Sein Gesicht spiegelte sich auf der Oberfläche der Flüssigkeit, und er sah genauer hin. Es war nicht sein Gesicht, es war Yosas Gesicht.“ Wer ist Yosa? Ist er ein nur Hirngespinst Gilberts? Ein Geist?
Gilbert selbst bleibt dem Leser, trotz der perspektivischen Nähe, ebenfalls seltsam fremd, was sicherlich daran liegt, dass er sich selbst fremd ist, das er sich in einer psychischen Extremsituation befindet, die ihn dazu bringt einem Traum unbedingten Glauben zu schenken und überhastet in ein Flugzeug zu steigen um um die halbe Welt zu fliegen.

Die Kieferninseln: Poesie

Die Kieferninseln ist so schlüssig konzipiert, so perfekt komponiert wie ein Haiku, dass ich ganz verliebt in den Roman bin. Um das Bild des Traumes, des Schlafs aufzugreifen: Poschmann erzählt mit schlafwandlerischer Sicherheit. Sprachlich immer sanft, einhüllend. Geradezu poetisch. Bei aller Rätselhaftigkeit ist die Erzählung jedoch nicht schwer, nicht drückend. Im Gegenteil, sie scheint zu schweben. Marion Poschmann ist eine Poetin, man merkt es an jedem Satz.
DIE KIEFERNINSEL von MARION POSCHMANN
Suhrkamp Verlag. 168 Seiten. 20 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar!

In Prousts Welt


Zwischen den Seiten eines betagten Buches findet sich mitunter Erstaunliches. Alte Postkarten, vergessene Lesezeichen. In einer raren Ausgabe von In Swanns Welt aus der Feder von Marcel Proust wurden verschollene Briefe des Schriftstellers entdeckt. Der Inhalt dieser Schriftstücke enthüllt Sensationelles.

AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT

Als ich den letzten Band des großen Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (fr. À la recherche du temps perdu) zuklappte, überkam mich ein wenig Wehmut. Wie ein Bergsteiger, der gerade den höchsten Gipfel erklommen hat und in dessen Freude über das Erreichen seines langersehnten Ziels sich plötzlich auch Wehmut mischt, denn noch höher hinaus geht es nicht mehr. Die Recherche zu lesen war allerdings keine Anstrengung. Eher eine Offenbarung!
Beinahe hätte es jedoch keine Recherche gegeben. Lange suchte Marcel Proustvergeblich nach einem Verleger für den ersten Band des Zyklus. Neben vielen anderen Verlagen, wies auch Gallimard das Manuskript von In Swanns Welt zurück. Grasset hielt es ebenfalls für unlesbar. Louis Brun schließlich, der Verlagsleiter bei Grasset war, konnte seinen Chef überzeugen das Buch zu drucken. Im Jahr 1913 erschien In Swanns Welt also bei Grasset. Die Kosten für den Druck trug der wohlhabende Schriftsteller selbst.

PROUST GLAUBTE AN SICH & SEIN WERK

 Marcel Prousts Vertrauen in seine eigene schriftstellerische Qualität ist es zu verdanken, dass die Recherche – für uns – existiert. Welch Glück, dass Proust sich die Ablehnung der Verlage nicht entmutigen lies.




Die seltene Ausgabe von In Swanns Welt wird in den kommenden Tagen bei Sotheby’s in New York versteigert. Der Schätzpreis liegt zwischen 400.000 und 600.000 Euro. Diese Summe sagt bereits viel über den literarischen Wert, welcher der Recherche heute beigemessen wird. Die Briefe, die viele Jahrzehnte vergessen zwischen den wertvollen Buchseiten schlummerten, haben ebenfalls Preise zum Inhalt: Marcel Proust zahlte für die Veröffentlichung positiver Besprechungen seines Romans in Zeitungen und Magazinen.
300 Franc, in etwa 1000 Euro, zahlte der Schriftsteller für eine Lobeshymne, prominient platziert auf der Titelseite der renommierten Tageszeitung Figaro. Verfasst von ihm selbst. Mehr als doppelt so viel Geld, 660 Franc, zahlte Proust für das Erscheinen einer wohlwollenden Kritik aus der Feder eines Freundes im Journal des débats. Die Kritiken schickte Proust handschriftlich an Brun. Zum Abtippen.
»So wird es keine Spur von meiner Handschrift geben.«
Der Erfolg der Recherche gibt Proust nachträglich recht. Gaston Gallimard schrieb später in einem Brief an Grasset, es sei sein größter Fehler gewesen, die Recherche abgelehnt zu haben.

MARCEL PROUST UND DIE MODERNE

Hätte der Schriftsteller sich über die Enthüllung der Urheberschaft der überschwänglichen Rezensionen geärgert oder amüsiert? Ich wüsste gern, was er in Zeiten von Facebook, Instagram & Co. in Sachen Buch-Marketing ersonnen hätte.

Töte mich von Amélie Nothomb



»Töte mich« heißt der neue Roman von Amélie Nothomb (Diogenes) und der Name ist Programm: Die 17-jährige Sérieuse verlangt von ihrem Vater sie zu erschießen. In Übereinstimmung mit einer scheinbar wahnwitzen Prophezeiung.
 
Amélie Nothomb – die ich aus unerfindlichen Gründen immer mit Fred Vargas verwechsele – ist ein literarischer Superstar. Weltberühmt und von mir – ebenfalls aus unerfindlichen Gründen – bisher verschmäht. Töte mich war der beste Einstieg, den ich mir in die Romanwelt der belgischen Schriftstellerin hätte wünschen können. Töte michist mit viel Witz und Klugheit erzählt und garniert mit einer große Portion Bibliophilie. Was wünscht sich der passionierte Leser mehr?



In Töte mich Graf Neville erhält einen Anruf von einer Wahrsagerin: Er möchte seine 17-jährige Tochter Sérieuse bei ihr abholen. Sie habe das Mädchen schlotternd vor Kälte nachts im Wald aufgelesen. Zum Abschied prophezeit die Wahrsagerin dem Grafen, dass er bei einem Emfang einen seiner Gäste töten werde. Graf Neville gibt zunächst wenig auf die Prophezeiung. Er wird von Geldsorgen geplagt, das Château du Pluvier, in dem die Familie Neville seit Generationen lebt, muss verkauft werden. Seine letzte Gartenparty, die traditionell am ersten Oktobersonntag stattfindet, soll ein umso größerer voller Erfolg werden.

Töte mich: Eine verhängnisvolle Prophezeiung

 
Langsam aber sicher jedoch beginnt die Einflüsterung der Wahrsagerin zu wirken. Nevilles Unruhe steigt und er beschließt demjenigen seiner Gäste den Garaus zu machen, dessen Tod nicht nur verzeihlich, sondern durchaus wünschenswert wäre. Der passende Kandidat ist bald ausgemacht. Doch dann bringt Sérieuse ihren Vater mit einem Vorschlag gänzlich aus der Fassung: Statt eines Gastes, solle er sie umbringen. „Töte mich!“, sagt die Tochter zum Vater. Seit fünf Jahren bereits sei sie unglücklich und könne nicht mehr fühlen. Eine philosophische Diskussion enspinnt sich. Kann Graf Neville dieser Misere entkommen?

Ende gut, alles gut

 
Töte mich ist ein ein kleines, aber feines literarisches Feuerwerk: Intertextuelle Bezüge, sprechende Namen, klassische Figuren. Ist es ein Knicks vor den Klassikern? Oder gar eine Persiflage? Das Spiel mit dem Klassikern der Literatur, das Nothomb betreibt, ist großartig. Das französische Original trägt den Titel Le Crime du Comte Neville und lässt damit sofort an Oscar Wildes berühmte Erzählung Lord Arthur Savile’s Crime denken. Das entgeht natürlich auch dem Helden der Erzählung selbst nicht:
‚Das erinnert mich doch an etwas‘, dachte Henri. Auf einmal fiel ihm die Erzählung von Oscar Wilde wieder ein, die von einer ähnlichen Geschichte handelte. Allerdings war die Bibliothek in Le Pluvier so ungeordnet, dass man dort das Buch garantiert nicht finden konnte. Deshalb ging Neville lieber in die Dorfbuchhandlung. Im Taschenbuchkatalog stieß er auf den Titel: Lord Arthur Saviles Verbrechen.
Graf Neville ist eine ganz und gar klassische Figur, wie es sie heute in der Literatur jedoch kaum noch gibt. Ein verarmter, aber sehr würdevoller Held, ein Schlossherr mit perfekten Manieren. Und jemand, der seine Kinder tatsächlich Oreste, Électre und Sérieuse genannt hat. Wer in antiker Literatur bewandert ist, der weiß, dass Oreste und Électre wohlbekannte Namen aus der griechischen Trägodie sind. Und, dass das Glück ihren Trägern nicht unbedingt hold war.
Kritik verbat er sich empört. In einer Zeit, in der Kinder die unpassendsten Vornamen bekämen, sei seine Wahl sehr gemäßigt, ja geradezu klassisch. Wegen des Vornames seines dritten Kindes er denn auch am meisten angeriffen worden. „Halten Sie Ernst denn für einen so herausragenden Wert?“ „Selbstverständlich. Außerdem habe ich mir da ja gar nichts Neues ausgedacht. Ernest bedeutet genau dasselbe.“
Töte mich ist gänzlich anders als die meisten literarischen Neuerscheinungen, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Die Erzählung wirkt zunächst ein wenig altmodisch, ein wenig angestaubt und doch ganz modern. Ein modernes Kunstmärchen vielleicht? Ich mag die Prise Romantik, den schalkhaften Knicks vor der (antiken) Literatur und auch die tieferen Wahrheiten, die sich trotz aller Leichtigkeit zwischen den Seiten verstecken. Ich habe es in einem Rutsch gelesen und es war eine Freude!
 
TÖTE MICH von AMÉLIE NOTHOMB
DIOGENES VERLAG. 112 Seiten. 20 Euro.
Leinengebunden mit Schutzumschlag.
 
Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar!

Schlafende Sonne von Thomas Lehr



»Schlafende Sonne« von Thomas Lehr ist kein Buch für den Urlaub, kein Buch, das man vor dem Einschlafen liest und erst recht kein Buch für Zwischendurch. »Schlafende Sonne« ist mehr als anspruchsvoll, es ist abstrakt und eine Willensanstrengung für den Leser. Und dennoch: Kauft dieses Buch! Es besitzt Qualitäten, die durchaus rar sind. Um den Literaturkritiker Thomasz Kurianowicz (DIE ZEIT) zu zitieren: „Thomas Lehrs Roman ist Literatur.“
Die Rezensionen im deutschen Feuilleton und die Lesermeinungen zu Thomas Lehrs neuem Roman Schlafende Sonne, der auf der Shortlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis steht, stehen sich diametral gegenüber. Epochal, so die Meinung der einen. Unlesbar, so die Meinung der anderen. Mit Spannung und mit ein wenig Furcht habe ich mich an die Lektüre gemacht und binnen weniger Minuten begann mein Kopf zu schwirren.
Man kann sicherlich viele Vergleiche und Metaphern bemühen, um Thomas Lehrs Roman zu beschreiben. Ich bemühe dieses Bild: Eine Frau, zwei Männer. Ein Beziehungsgeflecht. Das sind die Figuren, die in einer kleinen Schneekugel stecken. Der Autor schüttelt die Schneekugel kräftig, die Figuren sind kaum mehr zu erkennen und herabrieseln funkelnde, erzählerische Versatzstücke, die inhaltlich das gesamte vergangene Jahrhundert umfassen.
Thomas Lehr ist Naturwissenschaftler und – das wird schon nach wenigen Seiten deutlich – ein ausgesprochen kluger Kopf und ein großer Erzähler. Es gibt immer wieder Passagen in Schlafende Sonne, in denen ich mich – im positiven Sinne – in der Erzählung verloren habe. Jedoch: Es gab auch sehr, sehr viele Momente, in denen ich die Erzählung verloren habe. Immer dann, wenn die Erzählung wieder ins Abstrakte abgleitete und ich mit jedem Wort, das ich las, den Halt weiter verlor, wurde ich nachgerade ein wenig wütend. „Es war doch gerade so schön“, hätte ich Thomas Lehr anbrüllen mögen.
Diese Passagen sind sprachlich wunderschön, die Worte stehen in Harmonie zueinander. Ein Satz reiht sich perfekt an den nächsten Satz. Inhaltlich jedoch sind diese Passagen von einer Unschärfe, die es mir extrem schwer gemacht hat eine Handlung auszumachen oder auch nur zu folgen. Nach wenigen Seiten Lektüre habe ich mich mit einem Bleistift in der Hand wiedergefunden. Wort für Wort, Zeile für Zeile nachzeichnend. Liest man Schlafende Sonne laut, wird es (ein ganz bisschen) einfacher, vor allem aber offenbart sich dann die Schönheit von Lehrs kluger und klarer Sprache, die dennoch poetisch ist.
Schlafende Sonne ist nicht – wie in vielen Kommentaren zu lesen – unlesbar. Der Roman ist lesbar, jedoch erfordert er eine enorme Aufmerksamkeit und – in meinem Fall – die ein oder andere „Was ist …“-Frage an Google.
Das Kapitel 5., das den Titel KAISERPANORAMA / BLUT UND EISEN trägt, habe ich dreimal gelesen. Sehr genau gelesen. Ich las und staunte. Dennoch muss ich gestehen: Ich habe es noch immer nicht in Gänze verstanden. Das Kapitel erscheint wie ein abstrahierter Bewusstseinstrom. Ich liebe Literatur, die die formalen Möglichkeiten des Erzählens auslotet. Ich würde darauf wetten, dass in den nächsten Monaten und Jahren diverse Arbeiten an deutschen Universitäten über Schlafende Sonne geschrieben werden. Gleichzeitig verstehe ich aber auch, dass Menschen, die bei formalen literarischen Kinkerlitzchen nicht in Verzückung geraten, Lehrs Wälzer (welcher noch dazu der erste Teil einer Trilogie sein soll) gegen die Wand donnern möchten.
Was für einen Raum hat Lehr in diesem Kapitel (und in diesem Roman) geschaffen? Hat er nicht vielmehr einen Nichtraum geschaffen? „Ist Kunst ein Zurückgehen.“, fragt der Text (und fragt nicht siehe die Interpunktion!). Immer wieder geht es zurück in Schlafende Sonne. In Kapitel 5 zurück in die Zeit, in der Deutschland noch einen Kaiser hatte. Zurück in die Vergangenheit, durch die Erinnerung an Bilder:
„Du schließt die Augen, als wäre das noch nötig,
als hieltest du sie nicht seit Jahren geschlossen,
und fragst dich, woher all das Licht in deinem Kopf.
Das Licht und die Magazine (so hieß es, wie bei Waffen) von Bildern,
stereoskopischen Aufnahmen, Glasplatten,
bemalt und koloriert von Hunderten verzweifelter Träume.“
Das Kaiserpanorama. (Eine Frage für Google.) Eine Art „Diaprojektor“, der Bilder schon damals, Anfang des vergangenen Jahrhunderts, dreidimensional darstellen konnte, eine große Sensation war und sich großer Beliebtheit erfreute. Lehr entfaltet daraus einen Bewusstseinsstrom, dem ich manchmal besser, manchmal schlechter folgen konnte.
Um auf die Qualitäten des Buches zurückzukommen, die Lehrs Roman ohne Zweifel besitzt, zu ihnen zählen: Lehrs Sprachgewalt. Sein Wissen. Und schließlich auch sein Mut, ein solches Buch zu schreiben. (Und der Mut des Hanser Verlags ein solches Buch zu veröffentlichen.)
Große Romane haben ihre Zeitgenossen immer ge- und manchmal auch überfordert. Man denke an Marcel Proust, der, wie gerade in den Zeitungen zu lesen war, gutes Geld für die Veröffentlichung positiver Rezensionen seines Romans „In Swanns Welt“ zahlte und diese dann auch gleich selbst verfasste. Auch sein Werk – verlegt auf eigene Kosten – galt als „unlesbar“. Was ist mit James Joyce? Selbst „Madame Bovary“ von Flaubert war ein Schock für zeitgenössische Leser. Schlafende Sonne ist eine Herausforderung. Und es will eine Herausforderung sein. Vielleicht – die Zeit wird es zeigen – wird auch Lehrs Roman ein solch epochales Werk, das ein neues Genre begründet. Wir werden sehen. Literatur ist eben auch eine Kunstform. Und kein reines Konsumprodukt. Ich bin gespannt, ob Lehr den Deutschen Buchpreis gewinnen wird!
SCHLAFENDE SONNE von THOMAS LEHR
Hanser Verlag. 612 Seiten. 28 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Vielen Dank an den Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar!

Die Geschichte der getrennten Wege von Elena Ferrante


Endlich! Wer vom #ferrantefever gepackt wurde, kann aufatmen: Der dritte Band der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante »Die Geschichte der getrennten Wege« ist bei Suhrkamp erschienen. Ich habe die mehr als 500 Seiten verschlungen. V-e-r-s-c-h-l-u-n-g-e-n. Elena Ferrantes Stil ist, wie bereits in den beiden vorherigen Teilen, so einzigartig, wie fesselnd. Man liest und liest und liest. Die Geschichte der getrennten Wege, in dem erneut die Freundschaft zwischen Lenù und Lila im Zentrum steht, ist spannend, hochpolitisch und endet mit einem wahren Paukenschlag.
In Sachen verbaler und non-verbaler Brutalität steht Die Geschichte der getrennten Wege seinen Vorgängern in nichts nach. Auch in diesem Band von Elena Ferrante wird geschimpft, getobt, gedroht, geprügelt und geschossen. Neben den privaten Animositäten der in der Saga auftauchenden Familien (wer heiratet wen, wer beleidigt wen, wer hat wem verziehen, oder auch nicht), nehmen die politischen Wirren und studentischen Tumulte im Italien der 1970er Jahre einen großen Raum im Roman ein. Feminismus, Sozialismus, Faschismus und Terrorismus. Die realhistorischen Geschehnisse der damaligen Zeit bieten die bedrohliche Kulisse für den ebenso bedrohlichen Mikrokosmos der fiktiven Bewohner des Rione vor den Toren Neapels.

Zwei Frauen, zwei Welten und alles gerät aus den Fugen

Die Geschichte der getrennten Wege offenbart eine tiefe Krise in Lenùs Leben. Mit harter Arbeit, nicht etwa dem außergewöhnlichen Talent, das ihrer Freundin Lila von allen Seiten attestiert wird, hat Lenù es geschafft aus dem Rione herauszukommen. Durch Heirat mit einem Universitätsprofessor wird sie Teil eines gänzlich anderen Milieus. Sie veröffentlicht ein Buch, welches zu einem großen Erfolg wird. Doch sie entfernt sich – nicht nur räumlich – weiter und weiter von Lila. Je weiter diese Entfremdung fortschreitet, desto größer werden die Selbstzweifel, die Lenù quälen. Sie gipfeln in einer Schaffenskrise, hinzu kommt eine handfeste Ehekrise.
Auch Lilas Leben ist aus den Fugen geraten. Getrennt, jedoch nicht geschieden von ihrem brutalen Ehemann, schuftet sie in einer Fabrik um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Lila erfährt am eigenen Leib, was für Lenú und unzählige junge Studenten, die dem Kommunismus zugeneigt sind, nur ein abstrakte Theorie ist: Die Arbeitswelt der kleinen Leute, in der Erniedrigungen und Schikane zur Tagesordnung gehören. Welten prallen aufeinander. Dennoch sieht Lila Lenù und ihre Entscheidungen mit einer Hellsichtigkeit, die der Erzählerin selbst gänzlich zu fehlen scheint. Die wilde, ungezügelte Lila erscheint – während sie sich selbst zugrunde richtet – als die Stimme der Vernuft und Lenù täte gut daran, auf sie zu hören.

Bei Elena Ferrante ist niemand, wie er scheint

Elena Ferrante erzählt jedoch nicht nur eine spannende und weitschweifige Mafia-Räuberpistole aus der Stadt zu Füßen des Vesuvs. Es wird immer literarischer. Die große Neapolitanische Saga erscheint fast als eine Art Allegorie. Als ein epischer Kampf um Gut und Böse. Alles scheint im Gegensatz zu einander zu stehen. Allein Lenù und Lila. Welch ein Gegensatzpaar, wie Tag und Nacht. Allein rein optisch: Lila ist dunkelhaarig, hager. Lenù dagegen eher blond und pummelig. Lila ist wild, unzähmbar, impulsiv. Lenù dagegen vernuftbegabter. Sind Lenù und Lila überhaupt zwei Figuren? Sind sie nicht vielmehr ein janusköpfiges Wesen? Siamesische Zwillinge? Der gute Zwilling (Lenù) und der böse Zwilling (Lila)? Oder gar anders herum?
Niemand in Ferrantes Kosmos ist, wie er scheint. Und wenn die Maske fällt, dann steht dahinter eine um 180° Grad veränderte Person. Stefano, den Lila im zweiten Band geheiratet hat, ist ein Beispiel dafür. Er verwandelt sich vom den sympatischen jungen Mann, der ihr den Hof gemacht hat, in einen brutalen Schläger, der sie auf der Hochzeitsreise schwer misshandelt. Mit Bruno Soccavo, dem Betreiber der Fabrik, in der Lila schuftet, ist es ganz ähnlich. Und Nino? Nino Sarratore? Eine Figur, die schwer zu fassen ist. Sie entgleitet immer wieder aufs Neue. Einzig stetig in seiner Freundlichkeit, seiner Gutmütigkeit erscheint Enzo. (Und um ihn bange ich.)
Die Geschichte der getrennten Wege endet mit einem Paukenschlag. Wie der Vesuv in bedrohlicher Nähe zu Neapel – schwelen und brodeln die Konflikte im Rione weiter. Gewalt ist allgegenwärtig in Ferrantes Kosmos. Im ersten Band war es der Vater, der die kleine Lila aus dem Fenster warf, ihren Körper zerschmetterte, um die Diskussion über einen weiteren Schulbesuch zu beenden. Im zweiten Teil war es Stefano, der Lila schwer misshandelte. Im dritten Teil, werden Menschen auch auf offener Straße – mit welchem Hintergrund auch immer – ermordet. Worin wird diese Gewalt gipfeln? Wird Lila – die ja noch immer verschwunden ist – wieder auftauchen?
Gut Ding‘ will Weile haben. Dass Suhrkamp die Erscheinungstermine für den dritten und den vierten Band der Neapolitanischen Saga um mehrere Monate verschoben hat, spannt diejenigen, die dem #ferrantefever verfallen sind natürlich zusätzlich auf die Folter. Jedoch stemmt die Übersetzerin Karin Krieger eine gewaltige Aufgabe mit der Übersetzung aller vier Teile der Tetralogie, von denen jeder zwischen 400 und 500 Seiten stark ist. Es ehrt den Verlag, dass die Qualität der Übersetzung vor etwaigen Profitgedanken steht. Der vierte – und finale – Band der Saga Die Geschichte des verlorenen Kindes ist für den 4. Februar 2018 angekündigt.
DIE GESCHICHTE DER GETRENNTEN WEGE von ELENA FERRANTE
Suhrkamp. 539 Seiten. 24 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar!