Die Kostbarkeiten von Poynton von Henry James



Ein geschmackloses Souvenir, eine profane Wandbekleidung, ein stilloses Möbel. Alles Unästhetische vermag Adela Gereth, eine der Hauptfiguren aus Henry James‘ »Die Kostbarkeiten von Poynton« seelische Pein und beinahe körperliche Schmerzen zu verursachen. Ihr Besuch bei den Brigstocks in Waterbath gleicht deshalb dem Durchschreiten der von Dante beschriebenen Vorhölle und aller neun Höllenkreise. »Das Haus war absonderlicherweise voller Souvenirs von Orten, die sogar noch hässlicher waren als das Haus selbst, und von Dingen, die zu vergessen eine Frage der Pietät gewesen wäre.« (S.9) Die ästhetische Katastrophe bewegt Adela Gereth noch vor dem Frühstück zur Flucht. Hinaus in die harmonische, vollkommene Natur: »Jeder Nerv verlangte dringend danach, ihr zu entfliehen, verlangte nach frischer Luft, der Gesellschaft von Himmel und Bäumen, Blumen und Vögeln.« (S.5) Jedoch nicht ohne die Sorge, dass in Waterbath selbst die Blumen sich in der Farbe vergreifen und die Nachtigallen falsch singen könnten. (S.5)

Häng dein Herz nicht an Dinge!

Henry James hat mit Adela Gereth eine kuriose Figur erschaffen. Der Beginn von »Die Kostbarkeiten von Poynton« ist grandios und hat mich manches Mal laut auflachen lassen. Adela Gereth übermäßiger Sinn für das Schöne mag bereits neurotische Züge tragen und findet seine Verwirklichung in ihrem Zuhause. In Poynton Park, dem Landsitz der Familie Gereth, der das genaue Gegenteil zu dem geschmacklichen Desaster von Waterbath ist: Poynton Park ist ein Paradies der schönen Dinge. Kostbare Gobelins, wertvolle Bronzen, erlesene Dinge mühevoll aus aller Herren Länder zusammengetragen. Das Haus ist eine Ansammlung von Preziosen. Eine Tatsache, die auch James‘ Erzähler anerkennt: »Es gab viel grandiosere und prächtigere Orte, aber es gab kein so vollkommenes Kunstwerk, nichts, was auf den wirklich Kundigen so wirken würde.« (S.14) Und an anderer Stelle: »Was Mrs. Gereth zustande gebracht hatte, war in der Tat ein erlesenes Ergebnis; und in einer solchen Schatzsucherkunst, einem derart verfeinerten Auswahl- und Vergleichsvermögen lag ein schöpferisches Element, lag Persönlichkeit.« (S.23) Adela Gereth‘ übersteigerter Sinn für Eleganz und Inszenierung ist gleichsam Ausgangspunkt und Triebfeder für Henry James Erzählung, die, wie könnte es anders sein, schnurgerade auf in infernalisches Ende zu läuft.
Owen Gereth, Sohn der stilsicheren »Schatzsucherin«, gedenkt sich in naher Zukunft zu vermählen. Dieser Schritt des Sohnes trägt weitreichende Konsequenzen für die bisherige Herrin von Poynton Park: Dem Testament des verstorbenen Ehemanns und Vaters folgend gehört der Landsitz mit all seinen Schätzen bereits Owen und im Falle einer Heirat würde dieser mit seiner Angetrauten dort natürlich Wohnstatt nehmen. Ausgerechnet Mona Brigstock aus Waterbath heißt Owens Angebetete. Mona Brigstock, deren Familie »bei Teppichen und Vorhängen auf wüste Abwege geraten« war, die einen »unfehlbaren Instinkt für Desaströses« besaßen und «auf Scheußlichkeiten offenbar versessen« waren (S.9). Adela Gereth sieht ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Poynton Park mit all seinen – ihren – Schätzen wird an eine »Banausin« fallen.

»Ein psychologisches & soziales Gemälde« Henry James

Das großartige ersten Kapitel von »Die Kostbarkeiten von Poynton« enthält bereits alle Anlagen, die Henry James für sein kleines »psychologisches und soziales Gemälde«, als das er den Roman selbst beschrieb, benötigt: Adela Gereth‘ kompromisslosen, nahezu diktatorischen und zwanghaften Hang zu ästhetischer Harmonie, die Figur der gutmütigen, jedoch zögerlichen und stets moralisierenden Fleda Vetch, in der die ältere Frau eine Art Seelenverwandte in Stillfragen zu finden glaubt, und schließlich das Paar Owen und Mona und ihre Verbindung, die, so der feste Wille der Mutter, unbedingt verhindert werden muss.
Tatsächlich findet Adela Gereth in Fleda Vetch nicht nur eine Seelenwandte in Stilfragen, sondern ihre ideale Schwiegertochter. Vleda ihrerseits findet nicht nur Gefallen an Poynton Park: »Sie verstand vollkommen, wie Mrs. Gereth sich fühlte – zuvor hatte sie es nur in Ansätzen verstanden; und beide Frauen umarmten einander unter Tränen angesichts der Festigung dieser zwischen ihnen bestehenden Bande, Tränen, die aufseiten der Jüngeren das natürliche und übliche Anzeichen ihrer Unterwerfung unter vollkommene Schönheit waren.« (S.23), sondern auch an Owen. Es entflicht sich ein strategisches Spiel um die Kostbarkeiten von Poynton und um die Liebe.

Zug um Zug: Ein undurchsichtiges Spiel

Während ich – Asche auf mein Haupt – die Klassiker von Henry James wie »Portrait einer jungen Dame« oder »Washington Square« noch nicht gelesen habe, war die Lektüre von »Die Drehung der Schraube« ein wahrhaft schauerlich-spannendes Leseerlebnis. Als ich »Die Kostbarkeiten von Poynton « in der Buchhandlung sah, fand ich das Cover des Schutzumschlags – der ansonsten wunderschönen, in graues Leinen gebundenen, Manesse-Ausgabe – wenig ansprechend. Ein Satz des Klappentextes reizte mich jedoch: »In gewohnt raffinierter Weise lässt er [Henry James] uns dabei über die wahren Absichten und Gefühle seiner Figuren im Unklaren.«
Henry James ist bekannterweise ein großer Erzähler. In »Die Kostbarkeiten von Poynton« experimentiert der amerikanisch-britische Schrfitsteller mit dem eingeschränkten Wahrnehmungshorizont seines Erzählers. Während die Gedanken, Gefühle und Beweggründe von Adela Gereth glasklar zu sein scheinen (Poynton Park unter allen Umständen vor Mona Brigstock retten und Owen mit Vleda verheiraten), nimmt der Grad der Einsicht in das Innenleben der anderen Figuren stetig ab. Ein ums andere Mal fragt man sich: Was wird hier gespielt? Wer bereitet welchen Schachzug vor und zu welchem Zweck? Gerade was das Ende des Romans angeht, das einigermaßen überraschend kommt, rätsele ich noch immer. Eine Theorie habe ich, jedoch fehlen mir die Beweise.
James‘ kunstvolle, sich über mehrere Zeilen erstreckende (aber immer sehr harmonische) Sätze, haben mir das Lesen nicht immer einfach gemacht. Die Lektüre von »Die Kostbarkeiten von Poynton« erfordert ein hohes Ma ß an Konzentration und Aufmerksamkeit, aber beides schuldet man guter Literatur ohnehin. Der renommierte und erfahrene Übersetzer Nikolaus Stingl hat den Roman, dessen Originaltitel: »The Spoils of Poynton« lautet, ausgezeichnet und mit viel Sorgfalt ins Deutsche übertragen.
Ein kleiner Tipp für die weitere Recherche: In seinen »Notebooks« schrieb Henry James ausführlich – ausführlicher als bei jedem anderen seiner Werke – über die Entwicklung, Charakterzeichnung und den Verlauf des Schreibprozesses von »Die Kostbarkeiten von Poynton«. Hervorragend und mit viel Hintergrundwissen besprochen wurde der Roman außerdem bei Bonaventura.
Bei Manesse erscheinen regelmäßig Neuübersetzungen großer Werke. Zuletzt las ich Jane Austen »Vernunft und Gefühl«, ein Roman, der jedem Literatur-Liebhaber ebenfalls wärmstens ans Herz gelegt sei.

DIE KOSTBARKEITEN VON POYNTON von HENRY JAMES
Manesse Verlag. 288 Seiten. 24.95 Euro.
In Leinen gebunden mit Schutzumschlag.

Vielen Dank an den Manesse Verlag für das Rezensionsexemplar!