Topkapi von Eric Ambler



Die Romane des britischen Schriftstellers Eric Ambler, Jahrgang 1909, sind so spannend und subtil wie die Filme von Alfred Hitchcock. Bei Hoffmann und Campe ist der Roman/Spionagethriller »Topkapi« (1962) jetzt in gebundener Ausgabe wieder erhältlich.
Als ich Topkapi zu lesen begann, war zum Glück Wochenende: Das Buch ist ein absoluter Pageturner. Irgendwann mitten in der Nacht war ich wie von Zauberhand auf der letzten Seite angekommen. Topkapi ist, wie es sich für einen Roman aus der Feder des »besten aller Thrillerautoren« (Graham Greene) gehört, spannend von der ersten bis zur letzten Seite.

Topkapi: Wenn dem Erzähler nicht zu trauen ist

Wenn ein Gauner seine Geschichte erzählt, dann verspricht das in der Regel eine gute Unterhaltung. Arthur Abdel Simpson, Sohn eines britischen Vaters und einer ägyptischen Mutter, bildet keine Ausnahme. Arthur A. Simpson ist übergewichtig, gewieft und von Beruf eigentlich Journalist: „Ich war, ich bin Journalist, aber man muss leben, und in diesem Beruf ist es nicht immer leicht.“ Statt einem Scoop hinterherzujagen, haut der ansonsten gutmütige Arthur arglose Touristen übers Ohr. Sein Zubrot bringt den Gauner jedoch schon bald schwer in Bredouille. Plötzlich findet Arthur sich zwischen dem türkische Geheimdienst auf der einen, einer schwer bewaffneten Diebesbande, die einen ungeheuerlichen Coup plant, auf der andere Seite, wieder.
Istanbul mit seinen engen Gassen, den Moscheen und dem Topkapi-Palast, am Bosporus gelegen, bietet eine eindrucksvolle Kulisse für das Romangeschehen. Ambler ergeht sich jedoch nicht in seitenlangen Beschreibungen von Örtlichkeiten oder Bauwerken und umso intensiver wirken die Bilder nach. Ich habe fast das Gefühl, als hätte ich den Topkapi-Palast, den ehemaligen Sitz der Sultane des osmanischen Reichs, selbst besucht und sei über die weitläufige Anlage geschlendert. Geschuldet ist die dichtgestrickte Atmosphäre sicherlich Eric Ambler Neigung zu sorgfältiger Recherche.

Und plötzlich standen keine Amblers mehr im Regal …

Apropos Sorgfältig: Als ein englischer Verlag einen seiner Romane ohne die vorangestellte Einleitung abdruckte, sei es um Geld zu sparen, oder aus Lektoratsgründen, erstritt Eric Ambler, Jahrgang 1909, alle Rechte an seinen Werken zurück. Für geraume Zeit verschwanden langsam aber sicher alle Romane Amblers aus den englischen Buchläden und seine Leser saßen auf dem Trockenen.
Dem Verlag Hoffmann und Campe sei Dank gilt das nicht für deutsche Ambler Leser. Im letzten Jahr erschien »Die Maske des Dimitrios« und im nächsten Jahr wird »Schirmers Erbschaft« erscheinen. Hier geht zu allen bei Hoffmann und Campe verfügbaren und demnächst erscheinenden Ambler Romanen. Topkapi war meiner erster, aber sicherlich nicht mein letzter Ambler!
TOPKAPI von ERIC AMBLER
Hoffmann und Campe. 320 Seiten. 22 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.

Vielen Dank an den Hoffmann und Campe Verlag für das Rezensionsexemplar!

Die Ermordung des Commendatore I von Haruki Murakami


Was für ein großes Geschenk es ist, sich in den (unendlichen Weiten) des Internets, mit Literatur beschäftigen zu dürfen. Vergangene Woche verdeutlichte mir das ein großer brauner Umschlag, der in meinem Briefkasten steckte. Der Absender war der DuMont Buchverlag und darin der erste Band des neuen Romans von Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore I – Eine Idee erscheint. Mit einer Woche Vorsprung begann für mich das allseits langersehnte #MurakamiLesen.
Mein liebstes Buch von Haruki Murakami ist Wilde Schafsjagd, dicht gefolgt von Der Tanz mit dem Schafsmann. Ich steckte mitten im Studium als ich den japanischen Schriftsteller für mich entdeckte. Was ich liebte, war das Surreale in seinen Büchern, die bizarren Rätsel und vor allem Murakamis lakonischen Erzählstil. Ein Schaf, das nach der Weltherrschaft strebt? Wer hätte gedacht, dass ich an einer so einer verrückten Geschichte Gefallen finden könnte? Im Seminar las ich also Kleist und Fontane und in jeder freien Minute Haruki Murakami. Der große braune Umschlag aus dem DuMont Buchverlag war der Beginn eines neuen großartigen Murakami-Leseabenteuers.

»Wahrscheinlich landen wir alle auf dem Mond«

Die folgende Zusammenfassung des Romans wird der absolut abwegigen und gerade deshalb grandiosen Geschichte, die Murakami sich erdacht hat, nicht im Geringsten gerecht: Ein junger erfolgreicher Maler, der sein Geld bislang mit der Anfertigung von Porträts verdiente, reist nach dem unverhofften Scheitern seiner Ehe in seinem altersschwachen Peugeot 205 ziellos durch Japan. Er beschließt fortan keine Porträts mehr malen. Als sich ihm die Gelegenheit bietet in das abgelegene Haus eines berühmten Künstlers, mit dessen Sohn er befreundet ist, zu ziehen, zögert er nicht lange. Dort erreicht ihn ein unverhofftes Angebot: Der wohlhabende Geschäftsmann Wataru Menshiki bietet ihm sehr, sehr viel Geld für das Malen seines Portraits. Der Maler willigt schließlich ein, doch er findet nicht zu seiner alten Meisterschaft im Porträtieren zurück. Noch dazu geschehen um ihn herum zunehmend mysteriöse Dinge: Auf dem Dachboden des Hauses entdeckt er ein virtuoses Gemälde, das ihm nicht mehr aus dem Sinn geht. Dann erklingt des Nachts plötzlich das Läuten von Glöckchen im Garten …

Der Plot: So abwegig, so genial!

Haruki Murakami muss man selbst lesen. Keine Inhaltsangabe kann dem Roman, seiner Detailgenauigkeit und vor allem seinem Stil gerecht werden. Mir würdet ihr die phantastischen Vorkommnisse sowieso nicht glauben. Murakami – den ich immer freundschaftlich beim Vornamen Haruki nennen möchte – hingegen schon. In Die Ermordung des Commendatore lebt der alte Murakami, der, den ich so im Studium so sehr liebte und dessen Texte auf mich fast hypnotisch wirkten, wieder auf. Während ich bei jedem anderen Schriftsteller denken würde: „Welch für ein Blödsinn!“ um unversehens das Buch beiseite zu legen, zieht Murakami mich mit seiner nüchternen, klaren Erzählweise in seinen Bann. Ich glaube ihm alles. Auch die Sache mit der Idee, die sich in den verschiedensten Formen materialisieren kann. Etwa als kleine, 60 Zentimeter große, japanische Version des Commendatore aus Mozarts Oper Don Giovanni. Ihr schüttelt vielleicht den Kopf, aber vergewissert euch bei Murakami höchstselbst: Das geht.

»Es gibt sie alle wirklich«

In Die Ermordung des Commendatore kehrt Haruki Murakami zurück zum namenlosen Ich-Erähler und die Geschichte nimmt zunächst nur langsam Fahrt auf. Mitunter so gemächlich, dass ich begann unruhig zu werden. In der Retrospektive und im Hinblick auf den zweiten Band des Romans (zusammen werden beide Bände annähernd 1000 Seiten umfassen) gefällt es mir, dass Murakami sich Zeit nimmt um die Figur seines Ich-Erzähler aufzubauen und nicht mit der Tür ins Haus fällt. Sein Ich-Erzähler ist ein netter Kerl. Ein eher ruhiger Typ, dem jede Art von Hysterie fremd zu sein scheint. Widerführe mir, was ihm passiert, ich nähme meine Beine in die Hand! Seine Ausführungen über kleine und große Brüste und die expliziten Details aus seinem Sexleben haben mich jedoch irritiert, aber Liebesbeziehungen und/oder Affären waren schon immer ein großes Thema bei Haruki Murakami.

Menshiki bedeutet „Farbe vermeiden“

Mit dem undurchschaubaren Wataru Menshiki, dem ominösen Läuten der Glöckchen bei Nacht, der mysteriösen und fragmentarischen Lebens- und Schaffensgeschichte des eigentlichen Hausherren und dem versteckten Meisterwerk auf dem Dachboden spinnt Murakami viele Fäden zu einer meisterhaften Erzählung zusammen. Das Unerklärliche und Phantastische nimmt dabei immer mehr Raum ein, wird aber unversehens zur Romanrealität. Schauervoll wird es übrigens auch. Die gruseligste Stelle des ersten Bandes „erwischte“ mich ausgerechnet spät am Abend, kurz bevor mir ohnehin die Augen zu fielen und ich die weitere Lektüre vertagen musste. Ich gebe es zu: Ich musste mich selbst ermahnen und mir sagen, dass ich bereits sehr erwachsen sei und mich nicht zu fürchten bräuchte das Licht auszuknipsen. Die Ermordung des Commendatore ist reich an Symbolik, an sprechenden Namen, an mysteriösen Vorzeichen. Wohin Murakami die Geschichte führen wird, ist – zumindest mir – am Ende des ersten Bandes noch nicht klar. Aber ich bin gespannt wie ein Flitzebogen.

»Franz Kafka liebte Abhänge«

Murakami spielt, wie schon in seinen Werken zuvor, gekonnt mit allerlei Referenzen und Motiven aus den verschiedensten Werken, der verschiedensten Genres. Mir kam als erstes Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray in den Sinn, aber auch an die unzähligen Geschichten, die über Pakte mit dem Teufel geschrieben wurden. Murakami verwebt eine schauerliche Erzählung des – mir bis dato unbekannten – japanischen Schriftstellers Ueda Akinari (1734-1809) in seine Geschichte ein. Kunstgeschichte, klassische Musik und Oper finden Raum in Murakamis Roman. Auch Geschichte: Um die Geschehnisse aus Die Ermordung des Commendatore in ihrer Gesamtheit verstehen zu können, das zeichnet sich früh ab, wird der Bogen über verschiedene Figuren bis hinein in die 1930er Jahre gespannt, mitten hinein die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich. Der erste Band endet mit Wucht und das letzte Kapitel schlägt ein äußerst bitteres Thema der Geschichte an. Mit jedem Tag, der vergeht seit ich den Roman zugeklappt habe, werde ich neugieriger auf den zweiten Band. Es ist schon eine Crux mit Fortsetzungen und Cliffhangern!

Das große Warten auf Band II

Die Ermordung des Commendatore II – Eine Metapher wandelt sich wird am 16. April in diesem Jahr erscheinen. Bis dahin heißt es geduldig sein und »die Zeit auf seine Seite bringen«, wie Murakamis Erzähler so schön sagt. Zwei Tipps, damit das Warten nicht so lang wird, habe ich für euch. Hier kommt der erste: Jacqueline Masuck hat ein sehr interessantes Interview mit der Übersetzerin des Romans Ursula Gräfe und der Vertriebsleiterin des DuMont Buchverlags über Murakamis neues Buch geführt, das ihr auf ihrem Blog masuko13 lesen könnt. Und der zweite Tipp: Für Sonntag, den 28. Februar hat der DuMont Verlag eine Gemeinschaftsaktion anlässlich des neuen Romans ins Leben gerufen. Unter dem Hashtag #MurakamiLesen soll den ganzen Tag über gemeinsam gelesen und diskutiert werden. Die Aktion startet um 10 Uhr auf Twitter. Einfach dem Dumont Verlag folgen (@dumontverlag) und dem Hashtag #MurakamiLesen und schon kann es losgehen.

DIE ERMORDUNG DES COMMENDATORE I – EINE IDEE ERSCHEINT
von HARUKI MURAKAMI
DuMont Verlag. 480 Seiten. 26 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Die erste Auflage hat einen blauen Farbschnitt.

Vielen Dank an den DuMont Verlag für das Rezensionsexemplar!

Kleines Autorenportrait von Nikolai Gogol (1809-1852)



Ein Psychoanalytiker hätte an Nikolai Gogol seine helle Freude gehabt. Es sollte das Adjektiv gogolesk geben. Von allen russischen Schriftstellern ist mir Nikolai Gogol der rätselhafteste. Seinen Freunden galt Gogol als merkwürdig, wunderlich und mitunter auch schwierig. Gogols Leben in drei knappen Worten: Literatur, Ruhm und der Teufel. Erl ist ein Mysterium, ist selbst ein »ungelöstes Rätsel«, wie der russische Philosoph Berdjajew das Werk des Erzählers, das heute zur großen Weltliteratur zählt, nennt.

Klein von Statur, der Gang hüpfend

Pagenschnitt, akkurat seitlich gescheitelt. Der Hemdkragen weiß, der Rock rötlich-organge. Die Nase spitz, die Augen schelmisch blitzend. Die Wangen gerötet, die Lippen unter dem Schnurrbart voll. Die Mundwinkel ganz leicht, wie zu einem amüsierten Lächeln, nach oben gezogen. So wurde Gogol von dem Maler Alexander A. Iwanovportraitiert. Und so blickt der ukrainisch-russische Schriftsteller, der zu den ganz großen Erzählern Russlands zählt, seine Betrachter aus nachfolgenden Jahrhunderten an. Eine gewiss wohlwollende Darstellung, denn von seinen Zeitgenossen wurde Gogol als hässlichbeschrieben. Vor allem seine übergroße Nase ist es, die immer wieder Erwähnung findet. Auch sein irgendwie hüpfender Gang. Seine kleine Statur. Und das Büschelchen Haar, das er auf dem Kopf trug. Nun darf man zu Recht fragen: Wen interessiert das Äußere eines Schriftstellers? Gogol wandelte den beißenden Spott, den er erfuhr, in große Kunst. Er machte keine Adonisse zu seinen Helden. Eine seiner berühmtesten Erzählung heißt gar: Die Nase.

Nikolai Gogol: Der Urvater des russischen Surrealismus

Nikolai Gogol verehrte Alexander Puschkin, las Goethe und Schiller. Und schrieb doch selbst ganz anders: Seine Werke schwanken auf dramatische Weise zwischen Satire und Groteske. Gogol übersteigert seinen Realismus oft ins märchenhaft Fantastische, vermischt mit ukrainischer Folklore. Er erfand verblüffende Kompositionsverfahren und war ein wahrer Sprachkünstler. Als Beweis dafür können seine mäandernden Satzkonstruktionen gelten. Gleichzeitig erweist er sich als großer Humorist. »Puschkins Prosa hat drei Dimensionen«, schrieb Vladimir Nabokov in dem Buch, das er über Gogol schrieb, »die Gogols hat vier.«
Schon immer beschäftigte Nikolai Gogol sich mit Religion, in seinen letzten Lebensjahren jedoch verfiel er gänzlich einem religiösen Mystizismus, der in der vollkommenen Selbstzerstörung gipfeln sollte. Der Schriftsteller verweigerte jedwede Nahrungsaufnahme und verhungerte schließlich. Kurz vor seinem Tod verbrannte er – fest von der Präsenz des Teufels und der Tatsache, dass die Literatur ihn in die Hölle brächte überzeugt – das Manuskript des zweiten Teils seines einzigen Romans Die toten Seelen.

Petersburger Erzählungen

Die Petersburger Erzählungen stecken voller gogolesker Momente. Das Unheimliche, das Bedrohliche, das sich für den Schriftsteller hinter den Fassaden des glänzenden Sankt Petersburg verbarg, wird immer wieder sichtbar. So auch in der Erzählung Der Mantel. In einem Antiquariat stolperte ich über eine Ausgabe der Petersburger Erzählungen, die 1983 in dem heute nicht mehr existierenden Berliner Verlag Der Morgen erschienen ist. Es ist meine dritte Ausgabe (und die dritte Übersetzung) von Gogols Erzählungen, aber mit Abstand die schönste. Sie enthält 35 Reproduktionen von Farblithographien, die der russische Künstler Victor S. Vilner gefertigt hat. Vilner war Begründer der St. Petersburger Lithographen Schule und Professor an der dortigen Kunstakademie. Eins seiner Werke findet sich im MoMA in New York . Auch den Mantel hat Vilner er darstellt.

Nikolai Gogol: Der Mantel

Die Erzählung ist – typisch für Gogol – eine Mischung aus zugespitzter Komik und Tragik. »Wir kommen alle von Gogol’s Mantel her«, Dostojewski soll es gesagt haben und Vladimir Nabokov konstatierte mit Blick auf die Novelle:
»Die Lücken und schwarzen Löcher im Geflecht von Gogol’s Stil lassen auf Mängel im Geflecht des Lebens schließen. Irgendetwas stimmt da nicht, und alle Menschen sind leicht geistesgestört … das ist die eigentliche Botschaft der Erzählung.«
Wovon handelt die Erzählung? Gogol berichtet darin von Akakij Akakijewitsch, dem auf dem nächtlichen Rückweg von einem Festessen bei seinem Bürovorsteher der Mantel gestohlen wird. Mit Akakij Akakijetisch hat Gogol  eine komisch-tragische Figur erschaffen. Sein Äußeres beschreibt Gogol – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Oder gar an Gogol selbst – folgendermaßen:
»Er war klein gewachsen, ein wenig pockennarbig, ein wenig rothaarig und sogar ein wenig kurzsichtig; er hatte eine kleine Stirnglatze, seine Wangen durchzogen Falten, und sein Gesicht hatte jene Farbe, die man als hämorrhoidal bezeichnet … Was kann man da machen! Schuld hat das Petersburger Klima.«
Akakij Akakijewitsch arbeitet im Department als beamteter Schreiber, der weder von Untergebenen noch von Kollegen, die sich allerhand Scherze erlauben und wüste Geschichten über ihn erfinden, geschätzt wird:
»Wann und zu welcher Zeit er in das Department eingetreten war und wer ihn eingestellt hatte, daran konnte sich niemand mehr erinnern (…), so daß man später denken mochte, er sei offenbar bereits fix und fertig als Beamter auf die Welt gekommen.«
Akakij Akakijewitsch erträgt das alles mit stoischer Gleichmütigkeit. Nur dann und wann, wenn es gar zu arg wird sagte er: »Laßt mich doch in Frieden, warum beleidigt ihr mich?« Unter größten Entbehrungen spart der kleine Petersburger Beamte für einen neuen Wintermantel, dessen er dringend bedarf. All seine Lebensenergie verwendet er darauf. Der neue Mantel verhilft Akakijewitsch zu kurzem Glück, aber sein Verlust richtet ihn völlig zugrunde. Nach seinem Tod kommt die Geschichte, »überraschend zu einem phantastischen Ende«: In Sankt Petersburg ereignen sich allerlei unerklärliche Vorfälle, die erst ein Ende finden, nachdem das Gespenst des armen Akakij Akakijewitsch den Mantel wiederbekommen hat.

Da steh ich nun, ich armer Tor …

Je nach Standpunkt (wahlweise aus der Perspektive der Sozialkritik, des Formalismus oder der Psychoanalyse) ist die Deutung der Novelle eine andere. Die sowjetische Gogol Forschung sah in der Erzählung einen Protest gegen das bürokratische Feudalsystem. Neuere Forschungen sehen den kleinen Beamten als Opfer teuflischer-irdischer Versuchung, als Träger einer großen Idee oder als Sinnbild der Fragilität aller menschlichen Existenz und lesen die Novelle als Parabel von der Versuchung des Menschen durch den Teufel, der in vielerlei Verkleidung auftreten kann. Gogol selbst, so Nabokov, habe seine eigene Literatur gründlich missverstanden, nämlich als Erbauungsliteratur. Grotesk, das alles. Aber gute Lektüre!

Olga von Bernhard Schlink


Lang ersehnt, steht er nun endlich in den Regalen: Der neue Roman von Bernhard Schlink. In Olga erzählt Bernhard Schlink die Geschichte einer starken Frau und einer großen Liebe. Schlinks Hauptfigur Olga ist klug und äußerst wissbegierig. Anders als andere junge Frauen, hat sie nicht nur Mode und Männer im Kopf. Statt von Kleidern, träumt sie von Bildung. Und von Reisen nach Paris und London, »Städte, über die sie in Meyers Konversationslexikon gelesen hatte« (S.29). Das Schicksal jedoch meint es nicht allzu gut mit ihr.
Olgas Leben ist was man salopp bewegt nennt. Schlinks Roman erzählt auf raffinierte Art von den Höhen und Tiefen in ihrem Leben. Zunächst ruhig und empathisch, dann jedoch mit voller emotionaler Wucht. Olga – und ihr Schicksal -, kann man nur schwerlich wieder vergessen.

Der erste Teil: Olga & Herbert

Im Mittelpunkt des ersten Teils von »Olga« steht die Liebesbeziehung zwischen Olga und Herbert. Olga ist Waise, Herbert der Sohn eines wohlhabenden Gutsherren. Olga strebt nach Bildung, sie will Lehrerin werden. Herbert seinerseits hat andere Pläne, lernen interessiert ihn kaum. Er träumt davon Abenteuer zu erleben. Schon als Kind kam er nicht schnell genug von Stelle, wollte das Laufen lernen überspringen und gleich rennen. Die beiden treffen sich heimlich. Herbert fragt sie dann: »Was weißt du, was du heute Morgen noch nicht wusstest?«
Der Widerstand, dem diese Beziehung begegnen wird, ist Olga von Beginn an klar: »Du wirst mich nie heiraten, nicht jetzt, wo du zum Heiraten zu jung bist, und später nicht, weil deine Eltern eine bessere Partie für dich finden werden.« (S.40) Tatsächlich sperren sich Herberts Eltern gegen die Verbindung. Und auch Herberts Schwester, Victoria, die einst selbst mit Olga befreundet war, stellt sich gegen die Beziehung und versucht mit aller Macht die beiden Verliebten auseinander zu bringen. Dennoch: Olga und Herbert bleiben ein Paar. Auch als Olgas größter Wunsch, die Aufnahme am staatlichen Lehrerinnenseminar, in Erfüllung geht. Auch als Herbert beginnt als Soldat erst durch Afrika und dann durch die restliche Welt zu reisen. Die Liebe endet jedoch tragisch: Von seiner letzten Reise kehrt Herbert nicht zurück.

Der zweite Teil: Ferdinand, der Erzähler

Im zweiten Teil begegnen wir dem Erzähler der Geschichte, Ferdinand, einem Mann, in dessen Familie Olga als Näherin gearbeitet hat. »Sie kam alle zwei bis drei Monate für mehrere Tage. Sie machte Kleider, Röcke und Blusen, Jacken, Hosen und Hemden, die von Onkeln und Tanten abgelegt worden waren, für meine großen Schwestern und meinen großen Bruder passend und, wenn dieser aus ihnen heraus gewachsen war, für mich.« (S.115) Ferdinand berichtet von seiner Kindheit, in der Olga einen festen Platz einnimmt. Olga liest dem kleinen Jungen vor und beginnt schließlich auch von Herbert zu erzählen: »Als ich größer war und von Robinson und Gulliver las, mit Sven Hedin durch Asiens Wüsten und mit Roald Amundsen zum Südpol zog, erzählte Frau Rinke mir von Herberts Reisen und Abenteuern.« (S.123) Ferdinand und Olga stehen sich nahe, sie sprechen über Politik, über das Leben. Ihre Verbindung reist nicht ab, auch als Olga – unter mysteriösen Umständen – stirbt. Ferdinand kennt Olga, ihre Lebensgeschichte, es bleiben jedoch Geheimnisse, die ihm keine Ruhe lassen und er beginnt nachzuforschen. Am Ende dieser Nachforschungen stehen die Briefe, die Olga an Herbert geschrieben hat.

Der dritte Teil: »Herbert, mein Lieber!«

Mit diesen Briefen beginnt der dritte und letzte Teil von Schlinks Romans. Es ist Olgas Stimme, die dem Leser auf den letzten Seiten der Geschichte entgegen tritt. Olgas Briefe umspannen Zeitraum von 1913 bis 1971, sie verdeutlichen, dass sie den Tod ihrer großen Liebe niemals wirklich überwunden hat. Sie schrieb, Jahrzehnte lang, obgleich sie wusste, dass sie niemals eine Antwort erhalten würde. Während die ersten beiden Teile des Romans geprägt sind von Schlinks ruhiger, doch emphatischer Erzählweise, die man bereits aus »Der Vorleser« kennt, ist der letzte Teil des Romans geprägt von großer Emotionalität. Auch lösen die Briefe das Rätsel um Olgas Tod und lassen den Leser baff, schmunzelnd aber auch voller Bewunderung für Olga zurück.
Bernhard Schlinks Romane handeln häufig von Recht und Gerechtigkeit und auch »Olga« bildet keine Ausnahme. Untrennbar verbunden mit der Geschichte des Romans ist die deutsche Geschichte. Der Roman umspannt ein ganzes Jahrhundert: Die Kolonialzeit, den Völkermord an den Herero, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, den Zweiten Weltkrieg, die Flucht aus Pommern und schließlich unsere Zeit. Olga und Herbert sind Kinder ihrer Zeit. Einer Zeit, die das Leben vielleicht mehr und stärker beeinflusste als das heute der Fall ist. Soziale Ungerechtigkeiten und Konventionen zeigten Wünschen und Sehnsüchte deutliche Grenzen auf. Mit Olga hat Schlink eine unvergessliche Figur erschaffen: Klug, gütig und herzensgut.
»Geschichte ist nicht die Vergangenheit,
wie sie wirklich war. Es ist die Gestalt,
die wir ihr geben.« (S.211)

Über Bernhard Schlink:

Bernhard Schlink wurde 1944 in der Nähe von Bielefeld geboren. Er ist Jurist und lebt in Berlin und New York. Bereits in den späten 80er und frühen 90er Jahren machte Schlink sich durch seine Krimi-Triologie über den Privatdetektiv Gerhard Selb einen Namen als Schriftsteller. Der 1995 erschienene Roman »Der Vorleser« schließlich begründete Schlinks internationalen Durchbruch. »Der Vorleser« wurde zum erfolgreichsten Werk der deutschsprachigen Erinnerungsliteratur. Schlinks Geschichte über die Liebes eines Teenagers zu einer ehemaligen KZ-Aufseherin wurde in über 50 Sprachen übersetzt und 2009 von Stephen Daldry mit Kate Winslet, die für ihre Darstellung einen Oscar gewann, verfilmt.

OLGA von BERNHARD SCHLINK
Diogenes Verlag. 320 Seiten. 24,00 Euro.
Leinenband mit Schutzumschlag.

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Leseexemplar!