Meg Wolitzer - Das weibliche Prinzip


Werbung ⎜Rezensionsexemplar
In der Sunday Book Review der New York Times vom 30. März 2012 erschien ein Essay mit dem Titel The Second Shelf von Meg Wolitzer. Sofort springt die Referenz auf Simone de Beauvoirs Standardwerk der feministischer Literatur Le Deuxième Sexe ins Auge. »On ne naît pas femme, on le devient.«, schrieb Beauvoir 1949. Wolitzer überträgt das Beauvoir’sche Konstrukt des gemacht-werdens-zu in ihrem Essay auf den Literaturbetrieb. Warum ist in unserer Gesellschaft »gute, anspruchsvolle« Literatur noch immer eine männliche dominierte Sphäre? Warum wird Frauenliteratur (nicht zu wechseln mit den Schnellleseromanen, wie man sie aus der Zeitschriftenabteilung im Supermarkt kennt) noch immer in das untere Regal – das second shelf – verbannt?
Der eigene Verleger, so schreibt Wolitzer, kann Unterstützer dieses Prozesses effektiver Trennung und unbeabsichtigter Herabsetzung sein. »Schauen Sie sich einige Umschläge von Romanen von Frauen an. Die Wäsche hängt an der Leine; ein kleines Mädchen in einem Feld voller Wildblumen; ein Paar Schuhe am Strand; eine leere Schaukel auf der Veranda eines alten gelben Hauses.» Ja, denke ich, der himmelweite Unterschied zu den Umschlägen der männlichen Kollegen, etwa Murakami oder Franzen, liegt auf der Hand. Mir kommt unweigerlich die englischsprachige Ausgabe der Elena Ferrante-Reihe in den Sinn, die auf meiner persönlichen Top-Five-Liste der schlimmsten Buchcover ever weit oben rangiert. Eine Beleidigung für Ferrante. Ich komme nicht umhin mich zu fragen: War es das Cover von Wolitzers Bestseller The Female Persuasion, seltsam psychedelisch, das meine Aufmerksamkeit zuerst auf sich zog? Ich fühle mich ertappt.
Bis vor wenigen Monaten, ich gestehe es, genoß ich mein recht unbekümmertes Da- und Frausein in einer Gesellschaftsordnung, die andere für mich (uns) erstritten hatten, ohne darüber nachzudenken. Meine Familie ist multikulturell und der Anstoß mich mit dem Thema Feminismus, seiner Definition nach »the theory of the political, economic, and social equality of the sexes«, zu beschäftigen, rührte aus einer kleinen, doch großen Veränderung des Status quo im arabischen Teil meiner Familie her. Seither lese ich eifrig. Und zwangsläufig führt das Lektüre-Schnellballsystem zu Meg Wolitzers Beststeller The Female Persuasion. Der Roman zog mich an – doch ich widerstand. Ein 500 Seiten langer Roman? Zu viel Ablenkung. Auf meiner to-do-Liste quengel(te)n einige Punkte, die erledigt werden woll(t)en. Als jedoch der Vorschauenkatalog von DuMont auf meinem Schreibtisch landete, brach der Widerstand. Henning Ahrens hat Meg Wolitzers Roman für den in Köln ansässigen Verlag ins Deutsche übertragen, er heißt: Das weibliche Prinzip.
In Das weibliche Prinzip erzählt Wolitzer von Greer Kadetsky. Greer ist der Inbegriff All-American Girl, des netten Mädchens von nebenan: Natürlich, freundlich und klug. Für ihren Mitschüler und späteren Freund Cory ist sie das tatsächlich, das nette Mädchen von nebenan, in das er sich eines Tages aus heiterem Himmel verliebt. Eine klassische Konstellation des modernen amerikanischen Liebesromans. Greers Eltern sind in jeder Rolle, welche die amerikanische Gesellschaft für sie bietet, überfordert. Bereits als Kind ist es Greer, die das Abendessen für die Familie zubereitet. Ihre Eltern verschwinden mit ihren Tellern in den Hobbyraum, Greer bleibt allein am Esstisch zurück. Sie flüchtet sich in die Welt der Literatur, verschlingt Anna Karenina in einem einzigen langen Rausch, liebt die Romane von Jane Austen. Greer ist begabt, so begabt, dass sie an der Eliteuniversität Yale aufgenommen wird. Ein Traum, der wahr geworden ist. Ein Traum, der an der Unfähigkeit ihrer Eltern scheitert.
Anstatt ein Zimmer an der renommierten, weltberühmten Yale University zu beziehen, landet Greer in Ryland. Einer drittklassigen Universität an der Ostküste der USA. Greer findet, die Wandfarbe ihres Zimmers erinnere auf verstörende Weise an die Farbe von Hörgeräten. Man fühlt mit ihr. Wenige Tage nach ihrer Ankunft, macht Greer Bekanntschaft mit Darren Tinzler. Tinzler, ebenfalls Student, belästigt sie sexuell äußerst aggressiv.
Mit der anderen Hand strich er forschend über ihre Bluse, und die schockierte Greer stand wie erstarrt da, während er über die Wölbung einer Brust tastete und die Hand darum schloss, ihr dabei in die Augen sah, ohne mit der Wimper zu zucken, einfach nur schaute. Sie wich zurück und sagte: »Was machst du da?« Doch er lies nicht los, sondern drückte ihre Brust so hart und schmerzhaft zusammen, verdrehte das Fleisch.
Die sexuellen Übergriffe des jungen Mannes haben weder bei Greer angefangen, noch hören sie bei ihr auf. Tinzler fröhnt seinem „Hobby“ auf dem Campus ungestört weiter – bis eine in Kampfsport trainierte Studentin sich körperlich zur Wehr setzen kann. Das Ausmaß von Tinzlers sexuellen Belästigungen und Übergriffe kommt langsam ans Licht und die Universität wird zum Handeln gezwungen. Es folgt eine Farce: Tinzler wird – entgegen der Erwartungen – nicht der Uni verwiesen, sondern zu einigen wenigen Therapiestunden verurteilt. Diese Erfahrung und die ernüchternde Konsequenz, lässt in Greer, sonst »verbissen schüchtern«, den Wunsch aufkeimen eine Stimme zu haben. Sich zu wehren, etwas zu verändern. Gerechtigkeit zu schaffen.

Faith, nur ein paar Grade weniger bekannt als Gloria Steinem

Faith Frank, Ikone der amerikanischen Frauenbewegung und Autorin des Buches Das weibliche Prinzip, rauscht mit all ihrer fesselnden Präsenz mitten hinein in diesen jungen, gerade aufkeimenden Wunsch von Greer. Faith Frank ist Herausgeberin der Zeitschrift Bloomers, am Ryland College hält sie einen Vortrag, den Greer und ihre beste Freundin Zoe fieberhaft verfolgen. Nach einem nicht ganz zufälligen Treffen auf der Damentoilette wird Faith Frank von Greer vergöttert. Ihre Visitenkarte wird sie für die kommenden Jahre in Ryland  wie einen Schatz hüten.
All das ist eine kleine Rekapitulation des ersten Kapitels. Hier liegt Wolitzer alles an, was später für den Verlauf der Story von Wichtigkeit sein wird. Alle Figuren, die eine wichtige Rolle in Greers Leben spielen, lernen wir bereits hier kennen: Greers Freund Cory Pinto, ihre Freundin Zee Eisenstat und natürlich die überlebensgroße Faith Frank. Im Verlauf des Romans arbeitet Wolitzer diese Figuren weiter aus, flicht tiefere Ebenen ein, zeigt unterschiedliche Perspektiven auf. Keine Figur wird dabei jedoch so tief, so präzise und schonungslos ausgeleuchtet wie Greer. In der Retrospektive wundert es mich nicht, dass ich Zoe, Faith und auch Cory so viel sympathischer fand als Greer. Greers All-American Girl – Charakter des ersten Kapitels bleibt nicht ohne Makel. Beinahe schmerzhaft sind die Szenen, in denen Greer sich und ihre Überzeugungen verleugnet um Faith Frank zu gefallen.
Wolitzer spart nicht mit Prolepsen in Das weibliche Prinzip, schon nach wenigen Seiten wird klar, dass die Verbindung zwischen Faith Frank und Greer Kadetsky unheilvoll enden wird. Den so aufgebaute Spannungsbogen hält Wolitzer jedoch – so finde ich – nicht gänzlich. Und das tatsächliche Ende wird dem angekündigten dramatischen Ende nicht gerecht. Aber das ist Erbsenzählerei. Die großen und kleinen Katastrophen, von denen das Buch erzählt, sind unbedingt lesenswert.
Der Unterschied zu der feministischen Literatur, die ich bisher gelesen habe (Adichie, Bennett und Solnit) und Das weibliche Prinzip besteht darin, dass in Wolitzers Roman in eine Erzählung eingebundene Charaktere feministische oder anti-feministische, gar frauenfeindliche Äußerungen und Ansichten darlegen. So wird aus der Theorie eines Essays oder eines Ratgebers eine Geschichte, die lebt und atmet. Die nachvollziehbar und erlebbar ist.

We Should All Be Feminists

Weitere feministische Literatur: We should all be Feminists von Chimamanda Ngozi Adichie, Feminist Fight Club von Jessica Bennett und Men Explain Things to Me von Rebecca Solnit. Aktuelle Bücher bzw. Essays, die ich nur empfehlen kann! Und natürlich Meg Wolitzers Essay The Second Shelf.
Das weibliche Prinzip von Meg WolitzerDuMont Verlag. 496 Seiten. 24 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen.
Vielen Dank an den DuMont Verlag für das Rezensionsexemplar!

Summer Reading: Über Literatur und Sonnenbrillen


[ADVERTORIAL / bezahlter redaktioneller Beitrag]
Am Wasser zu lesen liebe ich. Das Rauschen der Wellen am Meer, das sachte Schwappen des Wassers eines Sees irgendwo im Nirgendwo oder das eines Pools mitten im Großstadtdschungel ist das beste Hintergrundgeräusch für jedes Buch.

In der Luft liegt der Duft nach Sonnencreme und erinnert an die Unbeschwertheit der großen Ferien. Was gibt es Schöneres? Die Requisiten: Ein gutes Buch, ein Strandtuch aus Leinen, ein Sonnenhut und das schönste Accessoire, direkt nach dem getrockneten Salz auf der Haut, die Sonnenbrille.

Joan Didions berühmte Sonnenbrille

Mode ist als belanglose Äußerlichkeit verschrien, Literatur thront in intellektuellen Sphären. Alle Jahre wieder, wenn diese Sphären kollidieren, gerät die Welt aus den Fugen. So geschehen als Joan Didion, deren bewegendes Buch The Year of The Magical Thinkingich gerade lese, das Gesicht der Werbekampagne eines französischen Modeluxuslabels wurde. Fotografiert von Juergen Teller. Auf dem mittlerweile legendären Foto trägt die damals bereits über achtzig Jahre alte Schriftstellerin eine Sonnenbrille, die das Attribut over-sized mehr als verdient. In Times, Vogue & Co. debattierte man über diesen PR-Coup. Frau Didion ihrerseits erklärte, sie verstehe den ganzen Rummel nicht. Warum, scheint es, kann man nicht auf beiden Partys tanzen?

The Talented Mr. Ripley

Hamish Tames‘ (Gründer des australischen Sonnenbrillenlabels Le Specs, erhältlich bei Planet Sports) ultimatives ’style icon‘ ist Jude Law als Dickie Greenleaf in dem Filmklassiker The Talented Mr. Ripley. Kein Wunder, denn die Kostümdesigner Ann Roth und Gary Jones wurden für ihre Arbeit in dem Film mit einer Nominierung für den Oscar belohnt. Hemden und Hosen aus Leinen, Espadrilles, wehende Röcke – wer Inspiration für seine Sommergarderobe braucht, dem sei der Film wärmstes empfohlen. Aber: Es sollte nicht vergessen werden, dass Dickie Greenleaf vor allem eine Romanfigur ist, erschaffen von der talentierten Patricia Highsmith. Und auch in ihrem Roman, der sich als perfekte Urlaubslektüre eignet, ist Dickie Greenleaf bereits très chic. Tames‘ liebstes Kleidungsstück als Kind war übrigens eine gelbe Sonnenbrille, ohne die er das Haus nicht verlassen wollte. Von Susan Sonntag, wie Didion eine Ikone der amerikanischen Literatur, und Truman Capote gibt es Fotografien mit den getönten shades.

Nabokovs Lolita

Nicht nur Literaten tragen Sonnenbrillen, machmal spielen die Sonnenbrillen auch eine tragende Rolle in Romanen. In Vladimir Nabokovs Meisterwerk Lolita etwa. Eine Sonnenbrille in Herzform kommt, anders als in der Romanverfilmung von Stanley Kubrick, zwar nicht darin vor, aber dennoch wimmelt es von Sonnenbrillen: »and there, in the violet shadow of some red socks forming a kind of cave, had a brief session of avid caresses, with somebody’s lost pair of sunglasses for only witness.«
Wer im gleißenden Sommerlicht die Nase in ein Buch stecken will, kommt ohnehin nicht um ein Nasenfahrrad mit getönten Gläsern herum. Warum dann nicht gleich etwas extravagantes? Etwa mit der legendären Sonnenbrille, die Kurt Cobain bei seiner Session mit Jesse Frohman, trug? Oder Joan Didions over-sized Modell? Didion macht es vor: Fashion Icon und Literay Icon gehen durchaus zusammen. Warum also nicht gleich etwas extravagantes auf die Nase setzen?
– Mit freundlicher Unterstützung von Planet Sports-