Das große Finale: Die Geschichte des verlorenen Kindes von Elena Ferrante


Was lange währt. Endlich! Der finale Band der großen Neapolitanischen Saga »Die Geschichte des verlorenen Kindes« aus der Feder der italienischen Schriftstellerin Elena Ferrante ist erschienen und somit die Antwort auf die Frage, die sich Leser|innen seit dem Erscheinen des ersten Bandes »Meine geniale Freundin« stellen, zum Greifen nah: Wo ist Lila?
Während ich den dritten Band der Saga, Die Geschichte der getrennten Wege, an nur zwei Abenden verschlungen habe, bereitete mir das Lesen des finalen Bandes, Die Geschichte des verlorenen Kindes, zunächst einige Schwierigkeiten. Zugunsten einer qualitativ hochwertigen Übersetzung hatte der Suhrkamp Verlag das Erscheinen des dritten und vierten Bandes der Neapolitanischen Saga jeweils um einige Monate verschoben. Eine richtige und wichtige Entscheidung, wie ich finde. Dennoch hat die lange Wartezeit auch eine Kehrseite gehabt: Allenthalben stolperte ich über Namen oder Anspielungen auf Ereignisse, die mir kaum mehr etwas sagten.
Das sagenumwobene Ferrante Fieber packte mich nach gut der Hälfte des Buches. Ich las und las und konnte (wieder) nicht Aufhören. Die Geschichte des verlorenen Kindes legt den Fokus so stark wie noch nie auf Lenù und Lila. Der Rione, der fest in der Hand der Solaras zu sein scheint, versinkt in einem Sumpf aus Korruption, Drogen und brutalen Morden, doch scheint all das auf eine merkwürdige Weise zweitrangig zu sein. Zweitrangiger zumindest als noch in den vorherigen Romanen. Von den ersten Seiten der Saga an, waren Lila und Lenù als eine Art Gegensatzpaar angelegt, dies wird auch im letzten Band fortgeführt. Die Freundschaft der beiden ist schwierig, wie auch in den Bänden zuvor.
Nachdem Lenù ihren Ehemann für ihre Jugendliebe Nino Sarratore verlassen hat, kehrt sie Mailand den Rücken und zieht – als erfolgreiche Schriftstellerin – nach Neapel zurück. (Was nicht verschwiegen werden soll: Das Lenù-Nino-Liebesdrama nimmt auf den ersten 200 Seiten des vierten Bandes einen so großen Raum, dass es meine Nerven einigermaßen strapaziert hat.) Lila hingegen hat Neapel und den Rione nie verlassen, sie lebt mit Enzo zusammen und ist eine äußerst erfolgreiche Unternehmerin geworden. Lila genießt großes Ansehen im Rione und man sagt, sie habe die Solaras »bezwungen«. Um den Brüdern und ihren Verstrickungen zur Mafia jedoch den endgültigen Todesstoß zu versetzen, hat sich Lila, so scheint es, einen besonderen Plan ausgedacht.
Mit der Zeit wird Lenù immer klarer, dass sie in eine Welt zurückgekehrt ist, die sie, im Gegensatz zu Lila, nicht versteht, deren Tiefe und Hintergründigkeit sich ihr nicht erschließt. Immer hat sie das Gefühl, dass es unter der reinen Oberfläche Gefahren lauern, von denen sie nichts weiß. Gefahren, die Lila zwar bewusst sind, die sie jedoch gewaltig unterschätzt zu haben scheint. Das Ereignis, welches dem finalen Band der Saga seinen Titel gibt, reiht sich, ohne großes Aufheben, in die Kette der Ereignisse ein, von denen Ferrante in gewohnt nüchterner, aber mitreißender Manier berichtet. Ein Kind verschwindet …
Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Ob Lila am Ende von Die Geschichte des verlorenen Kindes wieder auftaucht, wird – von mir hier – nicht verraten, man muss es einfach selbst lesen.
DIE GESCHICHTE DES VERLORENEN KINDES von ELENA FERRANTESuhrkamp Verlag. 614 Seiten. 25 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar!