Die Farbe von Milch von Nell Leyshon



»Schön, aufgeweckt und reich, bei einem sorgenfreien Zuhause und einem glücklichen Naturell …«, bitte? Richtig, nicht etwa Die Farbe von Milch von Nell Leyshon eröffnet mit diesen Satz, sondern Jane Austens berühmter Roman Emma. Nell Leyshon richtet ihren Blick weg von schönen Töchtern aus gutem Haus. Weg von Picknicks, von Spazier- und Überlandfahrten in Kutschen. Weg von stattlichen Landsitzen wie Pemberley, wo Austens Elizabeth Bennet mit ihrem Mr. Darcey ein – hoffentlich – heiteres und zufriedenes Leben führt, während Mary, so heißt Leyshons Heldin, mit dem Erzählen ihrer Geschichte beginnt: »Dies ist mein Buch und ich schreibe es eigenhändig. Es ist das Jahr des Herrn achtzehnhundertundeinunddreißig und ich bin fünfzehn geworden und sitze an meinem Fenster und kann viele Dinge sehen.«

»Dies ist mein Buch, und ich schreibe es eigenhändig.«

Soziale Missstände beschrieb bereits Dickens eindringlich und auch bei den Brontë-Schwestern herrschte nicht nur eitel Sonnenschein. Dennoch kam mir beim Lesen von Die Farbe von Milch zuallererst Jane Austen und die von ihr dargestellte Welt in den Sinn. Dabei könnte der Kontrast zwischen Austen und Leyshon nicht größer sein. Vielleicht brachten die verschlungenen Pfade meines Gehirns deshalb die beiden Schriftstellerinnen deshalb zu einer merkwürdigen Kombination zusammen. Bei Leyshon wie bei Austen ist die Heldin ein junges Mädchen. Ein Kind. Mary ist gerade fünfzehn Jahre alt geworden, und anders als Emma Woodhouse weder schön, noch reich, noch mit einem sorgenfreien Dasein gesegnet. Au contraire: Marys Leben ist – gelinde gesagt – beschwerlich. Sie lebt auf einem Bauernhof, ist tagtäglich mit dem harten Leben auf dem Acker konfrontiert und noch dazu gestraft mit einer Familie, in der es an vielem mangelt, aber am meisten an Wärme, Liebe und Zuneigung. Aufgeweckt ist sie jedoch allemal und wäre ihr Leben nur ein wenig anders verlaufen, hätte man ihr sicher auch ein glückliches Naturell bescheinigen können.
Anders als bei Austens lässt Leyshon ihre Protagonistin selbst zu Wort kommen. Immer wieder heißt es im Roman: »Dies ist mein Buch, und ich schreibe es eigenhändig.« Eigenhändig. Warum legt Mary so viel Wert darauf, uns wissen zu lassen, dass sie die Zeilen eigenhändig schreibt? Warum erinnert sie immer wieder daran?

Malala & #metoo

Leyshon situiert ihre Geschichte im England des 19. Jahrhundert, aber auch heute noch gibt es Gesellschaften, in denen Mädchen die Möglichkeit auf Bildung, auf ganz elementare Bildung wie Lesen und Schreiben, verweigert wird. Man denke nur an Malala Yousafzai, die sich in ihrem Heimatland Pakistan für die Bildung von Mädchen und Frauen engagierte und dafür fast mit ihrem Leben zahlte. Und auch die gerade aktuelle #metoo – Bewegung erscheint umso dringlicher, je bewusster man sich wird, dass alles, was schon schlimm erscheint, noch schlimmer sein kann.
Marys Geschichte ist eine der traurigsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe, gleichzeitig ist Mary jedoch eine der stärksten und liebenswürdigsten Frauenfiguren, die mir jemals in der Literatur begegnet sind. Geschuldet ist das der geschickten Verwebung von stofflichen und sprachlichen Mitteln. Marys Sprache ist zwar reduziert und die Interpunktion auf ein Minimum reduziert (noch weniger Kommata und der Text wäre unlesbar geworden), aber dennoch ungeheuer ausdrucksstark und tief berührend. Marys Geschichte beginnt zu einer Zeit, in der sie weder Lesen noch Schreiben konnte. Der Roman erzählt nicht nur wie sie es lernte, sondern auch welch hohen Preis sie dafür – wie Malala – zahlte.
DIE FARBE VON MILCH von NELL LEYSHON
Eisele Verlag. 207 Seiten. 18 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.