Peter Stamm "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" & Thorsten Nagelschmidt "Der Abfall der Herzen"


Die Reaktionen auf Instagram verrieten es bereits: Die Vorfreude auf Peter Stamms neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ & Thorsten Nagelschmidts „Der Abfall der Herzen“ ist riesengroß. In aller Kürze habe ich die beiden Romane bereits in meinen Instagram-Stories vorgestellt, die kleine Auspack-Zeremonie der Leseexemplare aus dem S. Fischer Verlag findet ihr übrigens noch immer in den Highlights. Heute darf ich endlich mehr sagen, denn die Bücher „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ von Peter Stamm und „Der Abfall der Herzen“ von Thorsten Nagelschmidt sind nun offiziell im Buchhandel erhältlich. 

„Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ von Peter Stamm

Wie um alles in der Welt habe ich es bewerkstelligt bis dato noch nichts von Peter Stamm gehört (geschweige denn gelesen) zu haben? Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt habe ich an einem verregneten Sonntag Anfang Februar verschlungen. Und noch mindestens zwei weitere Tage habe ich über das Gelesene nachgedacht. »Würde Albert Camus heute leben, würde er vielleicht Bücher schreiben wie Peter Stamm.«, steht auf dem Buchrücken. Stamm in die Nähe von Camus zu rücken, finde ich nicht verkehrt. Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt ist eine zutiefst existenzialistische Erzählung. Und dabei spannend wie ein guter Kriminalroman.

Worum geht es?

Peter Stamm bedient sich für seinen Roman eines klassischen, literarischen Stoffes: Dem Motiv des Doppelgängers. Als sein Erzähler seinem Doppelgänger begegnet, ist dieser nicht etwa sein spiegelbildliches Abbild, sondern sein jüngeres Selbst. Zunächst mag Stamms Erzähler Christoph noch an Glauben, er habe sich getäuscht, es handele sich um Einbildung, um ein Symptom von Überspannung. Bald wird jedoch klar, dass sein Doppelgänger, sein jüngeres Ich existiert und sein Leben gewissermaßen „nachlebt“. Bis hin zur (fast) gleichnamigen Freundin. Er nimmt Kontakt auf, zu seinem Doppelgänger, zu dessen Freundin, sieht er doch in seinem ungleich größeren Erfahrungshorizont einen unbezahlbaren Vorteil für sein und ihr Schicksal. Doch die Grenzen aus Wirklichkeit und Einbildung, Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen immer mehr.

Peter Stamm & Albert Camus

»Du begegnest dem Menschen, der du einmal gewesen bist. Er trifft andere Entscheidungen, macht andere Fehler – und doch entkommt er deinem Schicksal nicht.«, dieses Zitat von Peter Stamm steht auf dem Klappentext. Und tatsächlich: Der Roman endet unendlich traurig. Bis zur letzten Seite hatte ich auf ein Happy End gehofft, für einen Moment schien es da, um dann wieder zu zerplatzen. Neben Stamms existenzialistisch angehauchtem Thema ist es sicherlich auch seine schnörkellose Sprache, die den Rezensenten des New Yorker an Albert Camus erinnerte. Stamms Sätze sind kurz, aber immer treffend. Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt hat nur 160 Seiten, diese sind jedoch dicht gestrickt und am Ende des Romans füllt es sich an, als hätte man deutlich mehr gelesen. Ein kurzer und „schwerer“ Roman. Für alle Stamm-Fans und solche, die es werden wollen.
DIE SANFTE GLEICHGÜLTIGKEIT DER WELT von PETER STAMM
S. Fischer. 160 Seiten. 20 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Herzlichen Dank an den S. Fischer Verlag für die (Vorab)Leseexemplare.

„Der Abfall der Herzen“ von Thorsten Nagelschmidt

»Musik, Fotografie, Literatur, Kunst … Nagel kann alles. Es macht mich krank.«, so der O-Ton von Schriftsteller-Kollege John Niven. Als das Leseexemplar von Der Abfall der Herzen in meinem Briefkasten landete, war Thorsten Nagelschmidt ein völlig Unbekannter für mich. Nie gehört. Die Musik- und Literatur begeisterte IG-Crew setzte mich kurz und bündig ins Bild und dennoch begann ich den Roman gänzlich unbeeindruckt von Nagelschmidts beeindruckender Bandbreite an Talenten zu lesen. 448 Seiten später kann ich guten Gewissens bestätigen: Literatur kann er, der Herr Nagelschmidt.

Junk of the Hearts

Thorsten Nagelschmidt hätte seinen neuen Roman auch Auf der Suche nach der verlorenen Zeit nennen können, aber 1) ist dieser Titel bereits äußerst prominent besetzt und 2) passt Der Abfall der Herzen mindestens genauso gut, wahrscheinlich sogar besser. Benannt nach Junk of the Hearts, einem Song der Band The Cardigans, erzählt Nagelschmidt darin von Freundschaft, Liebe und all den Komplikationen, die mit diesen emotionalen Angelegenheiten, verbundenen sind. Und von ganz viel Musik natürlich. GarbageHole, die Dead Kennedys. Beim Lesen der vielen Bandnamen, fühlte ich beim zurückkatapulitiert in meine Zeit als Teenager. (Teenage angst has paid off well, now I’m bored and old. Ach, Kurt.)
Der Roman – überhaupt die ganze Geschichte – beginnt mit einer Frage. »Sag mal, wie war das eigentlich damals – wann hast du aufgehört mich zu hassen?« »Als du mir den Brief geschrieben hast.« »Was für einen Brief?« Der Dialog findet bei Möbel Olfe in Berlin statt. Nagel und Sascha sitzen bei einem Glas Wein zusammen. Nagel kann sich jedoch, beim besten Willen, nicht an diesen Brief erinnern. Nicht an den Brief und auch nicht an viele andere Dinge, die damals in dem Sommer vor 16 Jahren passiert sind. Nagel begibt sich auf Spurensuche. Teil 1 der Expedition in die Vergangenheit: Zurück zu seinem 22-jährigen Ich und zurück nach Rheine durch die Lektüre der eigenen Tagebücher: »Ich muss über mich selbst lachen. Hier sitze ich also und schreibe Tagebuch darüber, was ich in meinen alten Tagebüchern gelesen habe. Nur um danach nach Hause zu fahren, mich wieder aufs Sofa zu legen und weiterzulesen, wo ich nachmittags aufgehört habe. Die Empfindungen dabei halte ich in meinem aktuellen Tagebuch fest. Ich schreibe ganz Sätze heraus, zitiere mich selbst, und kommentiere das dann wieder. Ein Gelage. Eine Ein-Mann-Orgie. Ein dekadentes, selbstreferentielles Fest.« Teil 2 der Expedition: Die Befragung der Zeitzeugen. Von Berlin quer durch Deutschland um die Frage zu stellen, die den Roman eröffnet hat: Wie war das eigentlich damals? Am Ende des Romans steht die Rekonstruktion eines intensiven und großartigen Sommers. Und der Anfang des Herbstes.

Zurück in die 90er. Hello Nostalgia!

Selten habe ich beim Lesen eines Buches so viel gelacht wie bei diesem. Thorsten Nagelschmidt kann herrliche Dialoge schreiben und hat einen feinen Sinn für Situationskomik. Obwohl ich einige Jahre jünger bin als Nagel im Roman, wurde das Lesen von Der Abfall der Herzen für mich ebenfalls zu einer Reise in eine mir altbekannte Vergangenheit. Das Jahr 1999: Schule, keine Handys, kein Rauchverbot. Sogar im Kino und in Flugzeugen durfte gequalmt werden. Der Bundeskanzler hieß Gerhard Schröder, der Außenminister Joschka Fischer. Der berüchtigte Farbbeutel-Wurf.  9/11 war noch nicht passiert. Der ausgebliebene, aber allseits beschworene und befürchtete Kollaps der Computersysteme zum Jahreswechsel 1999-2000. Bestimmt Wörter, bestimmte Redewendungen. Hello Nostalgia!
Es war ein Vergnügen in diese für immer versunkene Welt einzutauchen, die der Autor, Dank seiner Tagebücher, so lebhaft hat wiederauferstehen lassen. So wurde ein, das unterstelle ich Herrn Nagelschmidt setzt einfach, persönliches Buch auf eine magische Art und Weise auch für mich ganz persönlich.
Thorsten Nagelschmidt wird in vielen Städten aus seinem Roman vorlesen, schaut doch mal auf seiner Website vorbei und seht, ob er auch in euer Nähe liest.
DER ABFALL DER HERZEN von THORSTEN NAGELSCHMIDT
S. Fischer. 448 Seiten. 22 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.