Badewanne oder Daybed?
Wo lest ihr?

Gustav Adolph Hennig - Lesendes Mädchen

Ein kleines Café. Der Sessel gemütlich, das Stimmengewirr leise. Auf dem Tisch vor mir dampft ein Kaffee. Daneben liegt mein Buch. Patricia Highsmith, Venedig kann sehr kalt sein. Aufgeschlagen, aber ungelesen. Der Mann, der mir gegenüber sitzt, liest. Ohne aufzublicken, Seite um Seite. Ich beneide ihn fast. Lesen im Kaffeehaus ist ein Kunststück, das mir selten gelingt. Das Café, der perfekte Ort zum Lesen?

An der Bushaltestelle, auf dem Bahnsteig, in der Bahn, im Wartezimmer, am Strand. Während einer Familienfeier und zum großen Missfallen der restlichen Verwandtschaft? In der Badewanne. Es gibt so viele Orte, an denen man Lesen kann.

Marcel Prousts berühmte Recherche beginnt mit dem wohl beliebtesten Ort der Welt zum Lesen: dem Bett. »Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Augen so rasch zu, daß keine Zeit blieb, mir zu sagen: Ich schlafe ein. Und eine halbe Stunde später weckte mich der Gedanke, daß es an der Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in den Händen zu halten wähnte, und das Licht ausblasen; im Schlaf hatte ich noch weiter über das Gelesene nachgedacht, dieses Nachdenken hatte eine eigentümliche Wende genommen; mir war, als ich selbst es, wovon das Buch sprach.«

© Lesendes Mädchen von Gustav Adolph Hennig. Eigentum des Museum der bildenden Künste Leipzig.

© Lesendes Mädchen von Gustav Adolph Hennig. Eigentum des Museums der bildenden Künste Leipzig.

»Man kann nicht bei zwei Lichtern gleichzeitig lesen, beim Licht des Tages und dem Licht des Buches. Man sollte bei elektrischem Licht lesen, den Raum im Dunkeln, und nur die Seite beleuchtet.« – Marguerite Duras

An welchen Orten lesen wir wirklich? Ganz in Ruhe? Ganz versunken? In welcher Umgebung können wir uns so sehr in das Gelesene vertiefen, dass es uns über das Buch hinaus beschäftigt?

Die Römer lasen auf einer Chaiselongue. Einem, wieder in Mode gekommenen, Tagesbett, dass man heute Daybed nennt. Ausgestattet mit einem Polster und mehreren Kissen und vielleicht einer Decke. Schriftrollen ließen sich auf einem Daybed bequem und gemütlich lesen. Und heute eben Bücher. Ein Reading Nook, eine gemütliche, kleine Leseecke mit allem ausgestattet, was das bibliophile Herz höher schlagen lässt, ist (m)ein Traum. Ein paar Inspirationen habe ich auf Pinterest gesammelt. Umgeben von hohen Regalen, wahlweise mit einer Chaiselongue oder einem bequemen Sessel. Ein Fenster im Rücken. Wie herrlich, wenn dazu noch der Regen gegen die Scheibe prasselt. Daneben ein kleiner Tisch für Kaffee oder Tee. Und eine Leselampe. Die wichtigste Zutat für mich wäre jedoch: die Stille.

Wenn Kinder lesen: Mit der Taschenlampe unter der Bettdecke

 
Als Kind erschien mir eine breite Fensterbank als der ideale Ort zum Lesen. Ein Kissen im Rücken, die Beine angezogen und das Buch auf den Knien. Oder aber ein Baumhaus. Irgendwo hoch oben, weitab von jeglichem Trubel. Umgeben nur vom Blattwerk. Unter der Bettdecke schmökern, eine Taschenlampe in der Hand, ein Klassiker. Diese Variante war mir jedoch immer zu unbequem. Habt ihr versteckt im Schrank gelesen?

Bibliotheken und Cafés sind Orte, die für mich untrennbar mit Literatur, mit Zeitungen und dem Rascheln von Papier überhaupt verbunden sind. Während ich an diesen Orten oft die Inspiration zum Arbeiten finde, suche ich die Ruhe zum gemütlichen Lesen oftmals vergeblich. Ebenso ergeht es mir im Flugzeug oder im Zug. Während das Buch auf meinem Schoß liegt, schaue ich stundenlang der vorbeiziehenden Landschaft zu. Wie der Erzähler bei Proust, lese auch ich meist im Bett. Zuletzt hat mich der Krimi-Klassiker Topkapi von Eric Ambler vom Schlafen abgehalten.

Orte zum Lesen: Im Iglu, in einer Kutsche oder am Pool?

 
Wenn ihr die freie Wahl hättet, wo würdet ihr lesen? Wo würdet ihr sehr gerne lesen? In einer Kutsche wie bei Jane Austen oder – wer Netflix-afin ist – bei Versailles? Auf einer dieser Luftmatratzen in Form eines Sessels während ihr im Wasser umhertreibt? In einem Iglu? Es gibt so viele perfekte Orte zum Lesen. Was sind eure?

Der Mann mir gegenüber liest noch immer. Einen Roman von Haruki Murakami. Vielleicht bedarf es auch nur des richtigen Buches um im lautesten Trubel die Muße zum Lesen zu finden? Wo lest ihr am liebsten?

Kommentare (3)

  1. Mein Germanistikprofessor sagte immer, es gäbe Bücher fürs Sofa und solche für den Tisch. Bis heute lese ich meistens am Tisch, wo das Licht stets am besten ist, Platz für Getränk und etwas zum Knabbern. Geräusche um mich herum kann ich vollkommen wegblenden.
    Lesen kann ich eigentlich überall, aber nicht jedes Buch ist geeignet, im Wartezimmer des Arztes oder an der Bushaltestelle gelesen zu werden. Je wichtiger einem das Buch ist, desto mehr ist es wert, auf den geeigneten Ort und Zeitpunkt am Tag zu warten.
    Liebe Grüße
    Andrea

    • Liebe Andrea, wie schön, dass du diese Erinnerung teilst. Manche Sätze meiner Professoren sind mir ebenfalls im Gedächtnis geblieben. Oder sogar meiner Lehrer. Kurios finde ich übrigens auch den Gedanken, dass manche Bücher nicht im Pyjama gelesen werden sollten. 🙂
      – Katharina

  2. Hallo liebe Katharina,
    Ich glaub ich kenne diesen Moment den Du dort beschreibst. Wenn ich unterwegs bin dann ist zwar auch das Buch dabei, aber das Um-Mich-Herum kann unter umstaenden wirklich ablenkend sein. Ich dachte immer, das ich im Bett ganz gut lesen kann, aber so wirklich viele Kapitel schaff ich irgendwie auch nicht mehr dort, schalfe dann meistens ein oder bemerke, dass meine Koerperhaltung nicht die beste ist.
    Also ich glaub, dass mein Rattan Lesestuhl von Ikea, der in meinem englischen Zimmer im Aerker steht, mein Leseplatz ist. Und dann funktiniert es morgens ganz gut zur Zeit. Hab mir den Wecker um kurz nach 6 gestellt und schaff es dort dann vor der Arbeit noch fuer mindestens 60min zu lesen und im Ruecken geht die Sonne auf….
    GLG aus London,
    Finja

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