Hier bin ich von Jonathan Safran Foer

Jonathan Safran Foerhat ein neues Buch geschrieben! Die Vorfreude auf solche literarischen Leckerbissen ist immer gewaltig. Gewaltig ist auch der Umfang des neuen Romans: Hier bin ich zählt schlappe 600 Seiten. Die wollen natürlich gelesen werden und deshalb kommt diese Rezension mit einiger Verspätung. Nun aber …

Jonathan Safran Foers Erstlingswerk Alles ist erleuchtet sah ich nach seinem Erscheinen bei meinen Streifzügen durch die Buchhandlung oft an prominenter Stelle ausgestellt. ‚Alles ist erleuchtet‘, klingt schön! Trotzdem habe ich das Buch immer liegen lassen. Ich war Studentin und chronisch knapp bei Kasse. Irgendwann jedoch schlenderten wir zu zweit die Buchreihen entlang, eine Freundin, die unlängst ein Jahr in den USA verbracht hatte, und ich. Sie sagte: „Ach, Foer! Der hippe Autor aus Brooklyn! In New York spricht jeder von ihm.“ Ka-ching! Gekauft! 


Die deutsche Übersetzung von Everything Is Illuminated empfand ich als Katastrophe. Wie man „the greatest of all documentary movies, The Making of Thriller“ mit „einer Sendung über wundertätige Putzmittel“ übersetzen kann, erschließt sich mir bis heute nicht. Das Buch jedoch, die Geschichte, Foers erzählerische Leistung: fantastisch, wirklich fantastisch. Ebenso Foers zweiter Roman Extremely Loud and Incredibly Close. (Lest, lest!) Das Sachbuch Tiere essen habe ich ausgesetzt. Und nun also: Hier bin ich*. (Angemerkt sei: Ein anderer Übersetzer hat Foers Worte ins Deutsche übertragen, hurray!!)

Foer war viele Jahre mit Nicole Krauss, ihres Zeichens ebenfalls erfolgreiche Schriftstellerin, verheiratet. Ihr Roman Die Geschichte der Liebe, den sie Foer widmete, ist ein großartiges Buch. Foer und Krauss – jung, schön und begabt. Das perfekte Literaten-Ehepaar. Bis zur Trennung. Böse Zungen mögen darüber spekulieren, ob die im Sommer im Internet veröffentlichte (und auf literarisches Niveau getrimmte) E-Mail Korrespondenz mit der israelischen Schauspielerin Natalie Portman ihren Beitrag zu dieser Trennung geleistet hat. Ähnlich jedenfalls passiert es in Hier bin ich.

Zum Plot: Jacob und Julia. Ein gut situiertes Ehepaar, lebt in Brooklyn, New York. Das Paar hat drei Söhne: Sam, der kurz vor seiner Bar Mitzwa steht, Max und Benjy. Jacob ist Schriftsteller, Julia Architektin. Nach 16 Ehejahren ist die Leidenschaft der beiden füreinander abgekühlt, es kriselt. Dem Eheglück nicht gerade förderlich ist Jacobs deftige Sex-SMS-Konversation mit einer anderen Frau. Und so ist Hier bin ich zunächst eine Erzählung über den langsamen Verfall einer Ehe. Jedoch gibt es ein zweites Thema: Das Verhältnis amerikanischer Juden zu Israel. Foer erfindet ein Erdbeben, welches den israelischen Staat in Trümmer legt und beinahe um die Existenz bringt. Als der israelische Premierminister alle Juden auffordert nach Israel zu gehen, sieht sich auch Jacob gezwungen eine Entscheidung zu treffen.

Jonathan Safran Foer hat nie nur „erzählt“, immer spielt er mit Sprache und auch mit der Form.  Personal, Sprache und Stil sind immer außergewöhnlich. In seinen neuesten Werk stellt er seine Könnerschaft erneut unter Beweis: Hier bin ich ist perfekt komponiert. Zeitsprünge, wechselnde Perspektiven. Kurze SMS-Texte, die den Fließtext unterbrechen. Die Dialoge sind nicht rund geschliffen – im Gegenteil, Foer bedient sich mitunter eines recht anstößigen Vokabulars -, jedoch perfekt auf eine andere Art und Weise: Sie stecken voller Witz, Wortspielen und Klugheit. Thematisch ist der Roman ein Tohuwabohu: Ehe, Familie, Betrug, (religiöse) Identität, Religion und Politik. Alles findet seinen Platz, fügt sich und sorgt dafür, dass man wie im Rausch immer weiter lesen möchte. Absolut lesenswert!
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar Kiepenheuer & Witsch!

Author: Katharina Siekmann

Katharinas Steckenpferd ist die Literatur. Auf ktinka.com schreibt sie über Klassiker der Literatur und stellt literarische Neuerscheinungen vor.

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