Kleines Autorenportrait von Iwan Turgenjew

Iwan Turgenjew | Väter und Söhne | dtv | Russische Literatur

Weiter geht es mit meiner kleinen Reihe über die russische Literatur. Auf Russland eingestimmt, bin ich allemal. Während ich diese Zeilen tippe, stecke ich noch tief in der Lektüre des Romans »Ein Gentleman in Moskau« des amerikanischen Schriftsteller Amor Towles und nebenher spielen die Klavierstücke von Rachmaninow, die derart hartnäckige Ohrwürmer bilden, dass ich befürchte die Melodien niemals wieder aus dem Kopf zu bekommen. Im Zentrum dieses Artikel steht jedoch ein anderer Herr: Iwan Turgenjew.

Iwan Sergejewitsch Turgenjew

Iwan Turgenjew lebte von 1818 bis 1883. Er entstammt einer adligen Familie und studierte in St. Petersburg, Moskau und auch in Berlin Philosophie. Anders als bei Dostojewski oder Tolstoi ist das Menschenbild Turgenjews geprägt von philosophischer Weltoffenheit. Er pflegte freundschaftliche Beziehungen zu seinen nicht-russischen Schriftstellerkollegen, darunter Theodor Storm (dessen Schimmelreiter mir in der Schule den letzten Nerv raubte, ich gebe es unumwunden zu), Henry James, Gustave Flaubert und Guy de Maupassant.

Iwan Turgenjew | Russische Literatur | Väter und Söhne

Ja, er ist es. Der junge Mann, der so skeptisch in die Kamera schaut, ist in der Tat kein Geringerer als Iwan Turgenjew. Wenn ich die Augen schließe und mir die Bildnisse von Dostojewski und Tolstoi, mit denen Turgenjew gern in einem Atemzug genannt wird, in Gedächtnis rufe, dann sehe ich ältere Herren mit rauschenden Bärten vor mir. Vielleicht transportieren die Bilder älterer und gesetzterer Herren die Schwermut und die Tiefgründigkeit, die der russischen Literatur zumeist zugeschrieben wird, eher, als das Bild, eines jungen Mannes, der argwöhnisch in die Kamera blickt? Wie dem auch sei, mir gefällt der junge Turgenjew eindeutig besser.

Turgenjews Werk ist vielfältig, er schrieb nicht nur Romane, sondern auch Theaterstücke, Rezensionen, Abhandlungen vieler Art und Berichte. Seine Romane wurden seiner Zeit als aktuelle Kommentare zur gesellschaftlichen Entwicklung Russlands gelesen. So auch sein berühmtester Roman Väter und Söhne.

Die Jugend isst vergoldete Pfefferkuchen & glaubt, sie seien das tägliche Brot …

Turgenjews Roman Väter und Söhne, der 1862 erschien, zählt zu seinen bekanntesten Werken und liegt nun bei dtv nicht nur in neuer Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt, sondern auch in einer sehr schönen, leinengebundenen Ausgabe vor. Unbedingt erwähnenswert finde ich den Anhang dieser Ausgabe, denn er enthält ein Verzeichnis der handelnden Personen, ein wunderbares Nachwort, aber vor allem einen Brief der Übersetzerin Braungardt an Turgenjew: »Verehrter, lieber Iwan Sergejewitsch!« Ich finde diese „Geste“ sehr, sehr rührend und überlege, ob nicht auch dem ein oder anderen Schriftsteller einen kleinen Brief schreiben könnte.

Die Rezeptionsgeschichte von Väter und Söhne setzte unvermittelt mit seiner Veröffentlichung ein, denn der Roman rief hitzige Diskussionen hervor. Es war besonders die Figur des Basarow, welche die Gemüter erhitzte. Basarow, ein junger Medizinstudent, ist erklärter „Nihilist“, ein Begriff, der tatsächlich erst durch Turgenjew populär wurde. Basarow lehnt moralische Werte und jedwede Autorität ab. Künste, seien sie noch so schön, geltem ihm als nutzlose Romantik. Und die Liebe? Die Liebe ist ein bloßer physiologischer Akt. C’est tout. Basarow wird von seinem Freund Arkadi, der konventionelle Werte ebenso von sich weist, zu einer Reise aufs Land, auf das Landgut von Arkadis Vater eingeladen. Zwischen Basarow und Pawel Kirsanov, Arkdis Onkel, der ein Mann alter Schule ist, kommt es zum weltanschaulichen Duell. Am Ende jedoch kommt es, wie es kommen musste: Amors Pfeil trifft und Basarow Weltsicht gerät ins Wanken …

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Warum erregte die Figur Basarows so großes Aufsehen? Der Generationenkonflikt, in dem es im Kern von Turgenjews Werk geht, war politische Realität in Russland um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Je nach Sichtweise fanden die einen, Basarow sei zu positiv dargestellt worden. Die anderen wiederum befanden das Gegenteil. Turgenjew selbst nahm immer wieder Stellung zu den Meinungen seiner Kritiker. Seiner Ansicht nach verkörperte Basarow einen wahren Revolutionär. Basarow sei, so Turgenjew, eine tragische Figur, denn seiner Zeit, sei er weit voraus. Während Turgenjew, ganz dem Realismus verpflichtet, um schriftstellerische Neutralität bemüht war, so verrät das Ende des Romans vielleicht doch seine ganz eigene Position zu dem Konflikt. Der Konflikt, der das Zentrum von Väter und Söhne bildet, taucht in der russischen Literatur immer wieder auf. Und wahrscheinlich nicht nur in der russischen Literatur. Im Nachwort heißt es: »Turgenjew griff mit seinem Roman also ein ewiges Thema der menschlichen Existenz auf und traf damit zugleich auf ganz empfindliche Weise den Nerv seiner Zeit.« Um es mit Tucholsky zu sagen: Es gibt keinen Neuschnee.

Tschechow, Lermontov oder Bulgakov?

Den Anfang dieser kleinen Reihe machte Gogol, es folgte Turgenjew. Welchen russischen Schriftsteller schaue ich mir als nächstes an? Vielleicht Tschechow, vielleicht Lermontov. Oder Bulgakov? Denn von Letzterem, habe ich noch kein Buch gelesen, aber weil es Zeit wird, liegt Meister und Margarita schon bereit. Und vielleicht schreibe ich auch dem ein oder anderem Schriftsteller einen Brief.

 

VÄTER UND SÖHNE von IWAN TURGENJEW
dtv. 336 Seiten. 26 Euro.
Leinengebunden mit Schutzumschlag.

 

Vielen Dank an den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar!