Nichts als die Nacht von John Williams

»Nichts als die Nacht« ist das nahezu unbekannte (und in späteren Jahren von seinem Autor verleugnete) literarische Debüt des US-amerikanischen Schriftstellers John Williams. Die Novelle mit dem wunderbar poetischen Titel ist nun erstmals in deutscher Sprache im dtv Verlag erschienen.

In Nichts als die Nacht schildert Williams zwölf Stunden im Leben des jungen Protagonisten Arthur Maxley, dem in seiner Kindheit ein traumatisches Erlebnis widerfahren ist, welches fortan sein späteres Leben prägt und bestimmt. Maxley, so erfährt der Leser, wohnt in einem Apartment in San Francisco, er geht offenbar weder einer Arbeit nach, noch einem Studium. Er trinkt. Dann erhält er einen Brief von seinem Vater, der ihn vollends die Balance verlieren lässt. Lange verdrängte, grausame Geschehnisse drängen sich zurück in Maxleys Bewusstsein.

John Williams | Nichts als die Nacht | Novelle | dtv Verlag |

Simon Strauß hat ein – unbedingt lesenwertes – Nachwort zu Nichts als die Nacht verfasst. Darin finden sich biographische Details zu John Williams, die für das Verständnis der Lektüre wichtig sind: Als John Williams Anfang zwanzig war, meldete er sich widerstrebend, aber letztendlich doch freiwillig, bei der US Air Force. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er an Bord eines Transport- und Aufklärungsflugzeugs eingesetzt und – auf einem Erkundungsflug in Burma – abgeschossen. Wie durch ein Wunder überlebten Williams und der Pilot. Die fünf Crewmitglieder, die sich im Heck aufgehalten hatten, fanden den Tod. Für Williams begann eine lange Zeit der Rekonvalszenz. „Er saß auf einer Lichtung im Dschungel, im wilden Nirgendwo, und versuchte mit sich und seinem Trauma fertigzuwerden.“, schreibt Simon Strauß. In dieser Zeit entstand Nichts als die Nacht.

Die Atmosphäre der Erzählung ist bedrückend. Maxley ist zerrissen von Schuld und auch von Scham. Er ist einsam, er durchlebt eine ganze Bandbreite an Gefühlen. Und mit ihm der Leser, denn die Sprache der Novelle entfaltet einen Sog. Bereits der erste Satz von Nichts als die Nacht zieht den Leser hinab in eine (Alp)Traumwelt:

In diesem Traum, in dem er schwerelos und leblos war, ein alles umflutender Bewusstseinsnebel, der in der Weilte der Dunkelheit brodelte und bebte, gab es anfangs kein Gefühl, nur undeutliches Wahrnehmen, ohne Blick und Verstand, fernab, allein imstande, zwischen sich und der Dunkelkeit zu unterscheiden.

Die vielen Adjektive, die überbordene »Metaphernlust« (Strauß) und auch das langsame Erzähltempo der Novelle spiegeln seinen Inhalt, spiegel Maxleys Seelenzustand auf formaler Ebene wider. Hier trifft der Leser auf einen gänzlich anderen John Williams als etwa in dem Weltbesteller Stoner. Wie ein narkotisierender, beklemmender Schleier legen sich die Worte auf das Gemüt des Leser. Nichts als die Nacht habe ich in einem Rutsch und sehr, sehr gerne gelesen. Mir hat der Stil des jungen Williams (und wie er den Leser gefangen nimmt) sehr gefallen. Danach jedoch, ist dringend eine heitere Lektüre angeraten! ✦

NICHTS ALS DIE NACHT von JOHN WILLIAMS.
dtv VERLAG. 160 Seiten. 18 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.

Vielen Dank an den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.