Ferngespräch von Alejandro Zambra

¡Hola Alejandro! Alejandro Zambra wurde 1975 in Chile geboren und gilt als einer der wichtigsten lateinamerikansichen Schriftsteller der Gegenwart. Als FERNGESPRÄCH bei mir eintrudelte, war ich sehr gespannt, denn bisher hatte ich noch nichts von ihm gelesen.

Buchtipp | Ferngespräch | Alejandro Zambra | Suhrkamp | Gebunden mit Schutzumschlag | 22 Euro

Man merkt es gleich, Alejandro Zambra hat große Freude am Erzählen. Sein Stil ist leicht und beschwingt. Hinzu kommt sein Vergnügen an Erinnerung. Natürlich, natürlich, Autor und Erzähler sind, wer wüsste das nicht, niemals identisch. Dennoch, beim Lesen von FERNGESPRÄCH hatte ich das Gefühl, dass Alejandro Zambra von sich erzählt. So sind die biografischen Überschneidungen zwischen seinem Erzähler und ihm vielleicht auch gar nicht so zufällig?

Worum geht es in FERNGESPRÄCH?

Die Stories sind wie kleine Zeitreisen in die Vergangenheit des Erzählers. Köstliche Anekdoten durchziehen das Buch. Wir erfahren von dem Pfarrer, der mit seinem Motorroller durch den Ort düst und während seiner Predigten gern die Und-so-fort Geste macht. Oder von dem Tambourmajor der Militärkapelle, der »den Tambourstab mit bewundernswerterm Geschick« führte »obwohl er einäugig war – er besaß ein Glasauge, und die Legende besagte, er habe es bei einem bösen Schlenker mit dem Stab verloren.«

Wir erfahren von Dante, einem Freund des Erzählers: »Dante war ein autistischer Junge, viel älter als ich, fünfzehn oder sechzehn vielleicht. »Hallo, ich wiege 103 Kilo.«, sagt er zu jedem, den er auf der Straße trifft. Grandios fand ich die Großmutter des Erzählers, die ständig Erzählungen oder Gedichte schrieb, an Wettbewerben teilnahm oder »an einem Projekt feilte, das sie endlich aus der Anonymität reißen sollte.« Ihre Pointen und ihre Schlagfertigkeiten, »die sie selbst vorzeitig feierte.« Ganz zurecht, wie ich finde:

weder noch, wie der Fisch sagte« oder »wie der Fisch sagte« oder bloß »Fisch«, die Kurzversion des folgenden Satzes: »Weder noch, wie der Fisch sagte, als man ihn fragte, ob er lieber in den Ofen oder in die Pfanne wolle.«

»Es ist schwer, nicht ins Erfinden zu verfallen, sich nicht vom Flair der Erinnerung mitreißen zu lassen.«, sagt der Erzähler an einer Stelle. Immer wieder flackert auch die Selbstreflexion eines Schriftstellers in den Erzählungen auf.

Ich fragte ihn, was der Unterschied zwischen einem Gedicht und einer Erzählung sei. Wir lagen am Pool in der Sonne, in voller Photosynthese, wie er sagte. Er schenkte mir einen pädagogischen Blick und sagte, ein Gedicht sei das genaue Gegenteil einer Erzählung – Erzählungen sind langweilig, Lyrik ist Wahnsinn, Lyrik ist wild, Lyrik ist ein Sturzbach extremer Gefühle, sagte er, oder etwas in der Art.

Hinter all den amüsanten Erinnerungen verbirgt sich jedoch eine düstere Realität, die dann und wann durch die Stories in FERNGESPRÄCH hindurchscheint und eine politische Dimension eröffnet. Die Präsidentschaft des chilenischen Arztes und Politikers Salvador Allende endete 1973 durch einen Putsch. An die Stelle des sozialistischen Allende trat Augusto Pinochet, der eine Militärdiktatur aufbaute und das Land mit Härte führte.

Durch sie hörte ich zum ersten Mal von den Opfern der Diktatur, von den Verhafteten und Verschwundenen, den Morden, der Folter. Ich hörte verblüfft zu, mal empörte ich mich, mal verlor ich mich in einer gewissen Skepsis, doch immer mit dem gleichen Gefühl von Ungenügen und Unwissenheit, von Unzulänglichkeit und Entfremdung.

Sehr lesenswert!

Bei Suhrkamp ist übrigens ein weiterer Roman von ALEJANDRO ZAMBRA erschienen, BONSAI. Ich freue mich schon darauf, auch diesen zu entdecken!

FERNGESPRÄCH von ALEJANDRO ZAMBRA
Suhrkamp. 237 Seiten. 22 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar

Author: Katharina Siekmann

Katharinas Steckenpferd ist die Literatur. Auf ktinka.com schreibt sie über Klassiker der Literatur und stellt literarische Neuerscheinungen vor.

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