Romeo oder Julia von Gerhard Falkner

Gerhard Falkner ist von Hause aus Lyriker. Sein Roman »Romeo oder Julia« ist für den Deutschen Buchpreis nominiert, der morgen verliehen wird. »Romeo oder Julia« – der Roman ist anders und etwas speziell.

Worum geht es in Romeo oder Julia? Der Schriftsteller Kurt Prinzhorn reist nach Innsbruck, dort ist er zu einem Schriftstellertreffen eingeladen. Ihm widerfährt Merkwürdiges: Jemand muss in seiner Abwesenheit ein Schaumbad in der Badewanne seines Hotelzimmers genommen haben, denn dort findet Prinzhorn „lange schwarze Haare“. Die Chipkartenschließanlage der Tür zeigt jedoch kein fremdes Eindringen an. Dann verschwindet Prinzhorns Schlüsselbund. Und schließlich seine Notizbücher. Der Schriftsteller reist weiter, nach Moskau, nach Madrid, aber die Serie der Merkwürdigkeiten reißen nicht ab. Schlussendlich ist es ein Zufall, der dem Schriftsteller bei der Lösung des Mysteriums auf die Sprünge hilft.

 
Gerhard Falkners Roman ist schwer zu kategorisieren. Ist das ein Krimi? Eine Novelle? Eine unerhörte Begebenheit sind die Haare in der Badewanne allemal, oder? Romeo oder Julia ist in mancherlei Hinsicht ein außergewöhnliches Buch und ganz verdient auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises. Ganz subjektiv gesehen bin ich jedoch hin- und hergerissen.

„man sollte mal mitstenographieren – einhundertundachtzig Silben in der Minute – was Menschen so schwabbeln.“

Kurt Tucholsky – ich verehre ihn – schrieb einst eine Glosse mit dem Titel „Man sollte mal … „, darin heißt es: “man sollte mal mitstenographieren – einhundertundachtzig Silben in der Minute – was Menschen so schwabbeln.“ Bei Gerhard Falkner muss niemand mitstenographieren, denn seine schier unendliche Fabulierlust ist bereits verschriftlicht. Romeo oder Julia ist für mich manchmal zu weitschweifig. Der Roman ist von einer aberwitzigen Detailfülle, deren Sinn sich mir nicht immer erschlossen hat und die ich gelegentlich auch wahrhaft anstrengend fand. (Obwohl: Dass die Band Tocotronic Erwähnung findet, fand ich grandios und verleitete mich dazu in den Tiefen meiner CD Sammlung nach den Alben zu suchen.)

L’art pour l’art. Erzählen um des Erzählens Willen? Natürlich kann Falkner erzählen. Grandios sogar. Er nutzt Worte in Romeo oder Julia mitunter in einem für mich gänzlich neuen Zusammenhang und malt auf diese Weise wunderschöne Bilder: Etwa „Unter den Neuankömmlingen war ein schlanker Mann, umweht von einer fernöstlichen Frau.“ Das Bild von einer Frau „umweht“ zu werden, finde ich stark.Bisweilen überstieg Falkners Fabulierkunst, die selten so sacht und romantisch-poetisch daher kommt, wie in meinem obigen Beispiel, jedoch die Grenze meines Geschmacks. „Schnittlauchgrüne Augen“, etwa. Anders, ja. Aber schön? Oder Sätze wie: „Ich konnte ihre Hormone riechen.“ Die Sprache in Romeo oder Julia ist laut und zuweilen grell. Apropos: Romeo oder Julia steckt voller „Altherrenphantasien“, keine attraktive Dame ist vor Kurt Prinzhorn sicher. Anzüglichkeiten, die bei einem FDP-Politiker vor einigen Jahren zu einem handfesten Skandal mit angeschlossener Sexismus-Debatte gereichten, scheinen bei Kurt Prinzhorn nahezu sittlich.

Gefallen an Romeo oder Julia hat wiederum hat mir die Hommage an die große Weltliteratur. An Shakespeare, offensichtlich, aber zum Beispiel auch an Albert Camus: „Heute ist Mama gestorben.“ „O Gott! Das ist aber nicht dein Ernst?“ „Vielleicht auch gestern, ich bin mir nicht sicher.“ „Vielleicht eher gestern“, sagte Sally. „Heute ist ja noch nicht so viel passiert.“ Camus‘ Beginn von „Der Fremde“ in Dialogform finde ich originell.

Kurt Prinzhorn ist ein bissiger Zeitgenosse. Der Literaturbetrieb bekommt Romeo oder Julia sein Fett weg: „Hier die Vertreter der Kultur, mit Menschen, deren angestrengte Minen immer einer Idee nachzujagen schienen, die zum Glück immer ein bisschen schneller zu sein beliebte als ihre Verfolger (…).“  Das Studium der Kulturwissenschaften wird als „Junk-Studium“ bezeichnet, der letzte japanische Nobelpreisträger der Literatur wird nicht gerade mit einer Lobhudelei bedacht.

Romeo oder Julia lässt mich zwiegespalten zurück. Der Roman ist, objektiv betrachtet sehr, sehr gut, jedoch nicht unbedingt mein persönlicher Geschmack. Aber Geschmäcker sind bekanntermaßen verschieden.

Meine Rezension zu Thomas Lehrs Roman Schlafende Sonne könnt ihr hier lesen, die Rezension zu Marion Poschmanns Roman Die Kieferinseln geht es hier. Die Romane Ausser sich von  Sasha Mariana Salzmann und Die Hauptstadt von Robert Menasse habe ich im stillen Kämmerlein für mich gelesen (bzw. bin noch dabei). Wem drückt ihr die Daumen?

ROMEO ODER JULIA von GERHARD FALKNER
Berlin Verlag. 272 Seiten. 22 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.

Vielen Dank an den Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

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