Shakespeare Adaption: Hexensaat von Margaret Atwood

Margaret Atwood adapiert in »Hexensaat« (Knaus Verlag) William Shakespeares »Der Sturm« auf grandiose und fesselnde Weise. Ein absoluter Pageturner!

Felix Phillips steckt mitten in den fieberhaften Vorbereitungen zur Aufführung von William Shakespeares Stück Der Sturm, als ihn eine infame Intrige seines engsten Mitarbeiters Tony vom Posten des künstlerischen Leiters des Theaterfestivals in Makeshiweg fegt. Der „heimtückische, hinterhältige Scheißkerl Tony“ hatte langsam aber stetig Felix‘ Stellung an der Spitze des Theaterfestivals untergraben und ihn dann schließlich vom sprichwörtlichen Sockel gestoßen. Selbstredend, um ihn postwendend selbst zu besteigen.

 

Rezension Margaret Atwood Hexensaat 2017

 

So viel ist gewiss, dass jemand, der Rache brütet, seine eigenen Wunden frisch erhält, die sonst heilen und verharschen würden.“

Für Felix bricht eine Welt zusammen. Die Inszenierung von Shakespeares Der Sturm war, nach dem tragischen Verlust seiner geliebten Frau und der gemeinsamen Tochter Miranda, zu seinem einzigen Lebensinhalt geworden. All seine Kraft, all seine verbliebene Energie richtete er auf diese Inszenierung.“So viel ist gewiss, dass jemand, der Rache brütet, seine eigenen Wunden frisch erhält, die sonst heilen und verharschen würden.“, lauten die dem Roman vorangestellten Worte von Sir Frances Bacon. Und Felix Phillips sinnt auf Rache an seinen Usurpatoren. Atwoods Spiel beginnt: Felix, der in seiner Inszenierung von Der Sturm den Prospero spielte wollte, zieht sich nach seinem Sturz vollkommen vom Leben zurück. Er mietet eine Art Höhle als Wohnstatt, verliert sich zunehmend in Phantasmen um seine verstorbene Tochter Miranda und hegt und pflegt seinen tiefsitzenden Groll. Doch dann, eines Tages, bietet sich ihm die perfekte Gelegenheit Rache zu nehmen.

Hexensaat: Wird der Zauber halten?

 
Margaret Atwood adaptiert Shakespeares Der Sturm meisterlich. Während in Hexensaat die Inszenierung und Aufführung des Theaterstücks eine zentrale Rolle spielt, spiegelt Atwood die Handlung des Stücks auf einer zweiten, sehr gegenwärtigen Ebene. Felix Phillips wird zu einem Pendant von Shakespeares Prospero, die Theaterwelt wird zu dem Herzogtum Mailand, aus dem Prospero mit seiner Tochter Miranda vertrieben wird, seine Höhle und seine neue Wirkstätte werden zu Prosperos Insel. Nahezu alle Rollen aus Der Sturm finden Eingang in Hexensaat. Atwood ist eine Meisterin ihres Handwerks: Nicht nur Prospero, Miranda und Anton(y)io sind in der gegenwärtigen Handlung glaubwürdig gezeichnet – oder, um im Theaterjargon zu bleiben: besetzt – sondern auch die Randfiguren, wie etwa Caliban oder Ariel, fügen sich nahtlos in die Handlung ein.
 
Inhaltlich, wie sprachlich ist Atwood mit Hexensaat ein Glanzstück gelungen. Das Buch steckt voller Witz, voller Satire. Die Beschreibungen von Felix‘ Leiden, seinem Groll und seiner Einsamkeit sind rührend, aber nicht pathetisch. Die Passion, welche die kanadische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin für den ursprünglichen Stoff hegt, ist in jede Romanzeile eingewoben:

Der Sturm ist eigentlich ein frühes Multimedia-Stück. Ich bin sicher: Würde der Barde heute leben, so würde er alle Special Effects nutzen, welche die Technologie inzwischen zu bieten hat. Außerdem war dieses Stück für mich besonders verlockend, weil Shakespeare hier so viele Fragen einfach offen lässt. Was für ein – anstrengendes! – Vergnügen es doch war, sich damit auseinanderzusetzen.

 
Wenn Felix Phillips über Prospero referiert, ihn interpretiert, sein Denken und seine Handlungen darlegt, und auf diese Weise indirekt über sich selbst spricht, ist das grandios. Hexensaat weist zudem mehrere Zeitebenen auf und der Prolog, so viel sei verraten, hat es in sich:

Absolute Finsternis. Lärmendes Durcheinander außerhalb des Raums. Geschrei. Schüsse fallen.
STIMME AUS DEM PUBLIKUM: Was ist los?
STIMME VON DRAUSSEN: Abriegelung! Abriegelung!
STIMME AUS DEM PUBLIKUM: Wer hat hier das Sagen?
Drei weitere Schüsse.

Neben aller sprachlichen Raffinesse und Atwoods großer Erzählkunst macht also auch die Frage welche Form der Rache Felix‘ für seine Widersacher auserkoren hat, das Buch zu einem grandiosen Pageturner.

Welcher Atwood kommt als nächtes?

 
Kaum hatte ich Hexensaat ausgelesen, begab ich mich auf die Suche nach weiterer Lektüre aus der Feder von Margaret Atwood. Viele Stimmen empfahlen Der Report der Magd (1985), den Roman, der Atwood bekannt bekannt gemacht. Er fiel mir im Antiquariat für einen Spottpreis in die Hände. Thematisch finde ich jedoch den Roman Der blinde Mörder (2000), für den Atwood den Brooker Price gewann, weitaus spannender. Beide Romane reihen sich nun in die Schlange der unbedingt zu lesenden Bücher ein. Aber Hexensaat, herrje, ein so tolles Buch. Ob das zu toppen ist? Unbedingte Leseempfehlung!
 
HEXENSAAT von MARGARET ATWOOD
ALBRECHT KNAUS VERLAG. 320 Seiten. 19,99 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.
 

Vielen Dank an den Knaus Verlag für das Rezensionsexemplar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.