Es gibt Zeiten, in denen man mitten in der Nacht mit wild klopfendem Herzen aufwacht. Dann spürt man die Schwere, die das Leben zuweilen hat. Sorgen und Probleme türmen sich zu einer gewaltigen Welle auf. Für diese Zeiten gibt es Bücher wie Laurent Mauvigniers Mit leichtem Gepäck* (dtv Verlag). Ein literarischer Tranquilizer gewissermaßen, der Trost spendet und ein leises Wohlgefühl schafft. Ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen. Es sei denn, man liest durch bis zum Morgengrauen. In dem Fall ist wohl eine gewisse Müdigkeit zu erwarten … 

ktinka.com | Laurent Mauvignier - Mit leichtem Gepäck | Rezension

„Während Sie diesen Satz noch zu Ende lesen, 
wird irgendwo auf der Welt eine Boeing gestartet 
oder gelandet sein.“ 
Laurent Mauvignier stellt diesen Satz des amerikanischen Schriftstellers Bret Easton Ellis (American Psycho) seinem neuen Roman Mit leichtem Gepäck, der im französischen Original Autour du monde heißt, voran. Ich musste während der Lektüre an Goethes Worte denken: „Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt, und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.“ Im Zentrum von Mauvigniers Roman steht der 11. März des Jahres 2011. An diesem Tag überrollte ein gewaltiger Tsunami die Küste Japans und riss tausende Menschen in den Tod. Hier beginnt die Erzählung, die eigentlich ein literarisches Mosaik ist. Um das Schicksal seiner ersten Figur, dem jungen Mexikaner Guillermo, macht der Erzähler deshalb auch kein Geheimnis: 
 „Was Guillermo zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen kann, ist die Tatsache, dass er, wie so viele andere, Tausende andere, an diesem Nachmittag blitzartig wird begreifen müssen, dass es keine Gelegenheit mehr geben wird, Mexiko oder Menschen wiederzusehen oder gar eine Zukunft zu haben. Kaum dass er Zeit hat, dies zu begreifen, wird es schon zu spät sein, in weniger Zeit, als nötig wäre, es auszusprechen oder nur zu denken, in weniger Zeit vor allem, um sich gegen derlei Gedanken zu wehren und eine Flucht zu versuchen, an Flucht auch nur zu denken, denn vorher schon wird er tot sein.“ 
Dann fragt Mauvignier: Und währenddessen? Was passiert im Schatten dieser Katastrophe? Wie an einer Perlenkette reiht sich nun eine kleine Erzählung an die nächste. Immer neue Figuren, die nichts miteinander gemeinsam haben, außer der Tatsache, dass auch sie an diesem 11. März 2011 irgendwo auf der Welt leben, begegnen dem Leser. Für ein paar Seiten verweilt der Leser bei Frantz auf einem Kreuzfahrtschiff im Nordmeer. Frantz rettet einem alten Mann das Leben und wird sich seiner Einsamkeit bewusst. Dann weiter zu Taha, der seinen Urlaub auf den Bahamas verbringt und sich seiner vielleicht größten Angst stellt. Dann berichtet der Erzähler von Luli, die nach Israel reist um dort ihren Wurzeln auf die Spur zu kommen. Dann …
Mit leichtem Gepäck ist keine seichte Unterhaltung für Zwischendurch. Ein ums andere Mal wird einem beim Lesen das Herz schwer. Irgendwie kathartisch! Was ich besonders mochte: Inhalt und Form bedingen sich gegenseitig. So viele Leben, so viele Schicksale. Flüchtige Augenblicke, kurze Begegnungen und schicksalsschwere Momente. Das Leben eben. Wo ihr’s packt, da ist’s interessant! Unbedingt lesenswert!
Vielen Dank an den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar!

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