Tyll von
Daniel Kehlmann

Tyll von Daniel Kehlmann | Rezension

In seinem Roman Tyll versetzt Daniel Kehlmann die Figur des berühmten und legendären Narren und Spaßmachers Tyll Ulenspiegel – besser bekannt als Till Eulenspiegel – in das frühe 17. Jahrhundert; mitten hinein also in die Frühe Neuzeit und die grässlichen Wirren des Dreißigjährigen Krieges.

Kehlmanns »Tyll« – Spaßmacher oder Soziopath?

 

Da stand er und lachte. Den Leib zurück gebogen, den Mund weit aufgerissen, mit zuckenden Schultern. Nur seine Füße standen ruhig, und seine Hüften schwangen mit dem Schaukeln des Seils.

Bereits das erste Kapitel von Tyll hat mich in seinen Bann gezogen. Die ersten Sätze wirken beschwörend, fast hypnotisch: »Wir lebten in Furcht und Hoffnung und versuchten, Gottes Zorn nicht auf unsere fest von Mauern umschlossene Stadt zu ziehen …« Der Gaukler Tyll Ulenspiegel kommt eines Tages in eben jene eine kleine Stadt, die bisher vom Krieg verschont geblieben ist. Stundenlang unterhält der Vagant die Bewohner, schließlich tanzt er auf dem Seil und fordert seine Zuschauer auf: »Zieht den rechten Schuh aus! Werft ihn!« Die Städter zögern, befolgen die Anweisung des Vaganten jedoch schließlich. »Ihr Narren. Ihr Staubköpfe. Ihr Frösche. Ihr Nichtsnutze, ihr Maulwürfe, ihr blöden Ratten.«, ruft Spaßmacher. »Und jetzt holt ihn wieder!« Was folgt, ist ein furchtbares Durcheinander, das mitunter in gewalttätigen Auseinandersetzungen gipfelt und nicht für alle Stadtbewohner glimpflich endet.

Tyll Ulenspiegel schaut sich das brutale Spektakel von hoch oben, von seinem Seil aus, an. Und lacht aus vollem Leib. Dann verschwindet er aus dem Dorf, unbemerkt und unbehelligt von der noch immer tobenden, prügelnden Menge. Wer ist dieser Tyll Ulenspiegel? Ein Spaßmacher? Oder ein Aufwiegler?

Im Kleinen, wie im Großen: Der Dreißigjährige Krieg


Zur gleichen Zeit tobt im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ein furchtbarer Krieg, der uns noch heute das Fürchten lehren kann. Der Dreißigjährige Krieg gehört zu den verheerendsten Konflikten, die auf deutschem Boden ausgefochten wurden. Millionen Menschen verloren ihr Leben.

Alles begann im Jahr 1618 mit dem Prager Fenstersturz, der eine Spirale der Gewalt auslöste: Am 23. Mai 1618 drangen Vertreter vorwiegend protestantischen Stände in die Hofkanzlei der Prager Burg ein und warfen drei kaiserliche Statthalter (katholischer Konfession) aus dem Fenster. Der Sturz endete glimpflich, entfachte jedoch einen Krieg, der zu einer großen Katastrophe werden sollte. Immer mehr Mächte begannen mitzumischen und Macht, Einfluss und territoriale Ansprüche überwogen religiöse Interessen schon bald.

Schnell breitete der Krieg sich aus, weitere europäische Länder begannen einzugreifen und ihre Interessen zu verteidigen. Söldnertruppen zogen marodierend von Dorf zu Dorf und kaum ein Landstrich blieb vom Krieg verschont. Auf Phasen der Ruhe folgten immer neue Brandherde und Auseinandersetzungen. Erst am 24. Oktober 1648 fand der Krieg mit dem sogenannten Westfälischen Frieden ein Ende. Es sollte fast weitere 100 Jahre dauern, bis die Folgen des Dreißigjährigen Krieges überwunden waren.

»Der Narr geht durch die Welt ohne Zukunftsängste«,


erklärte Daniel Kehlmann seine Hauptfigur Tyll in einem sehr lesenswerten Gespräch mit der Zeit. Seit jeher bedeutet Krieg für die Menschen das Gleiche: Stetige Bedrohung und unsägliches Elend. Kehlmann nimmt den Leser mit auf eine Reise durch ein Deutschland, das vom Krieg zermürbt ist. Ein Deutschland, dass uns – obwohl keine 500 Jahre uns von ihm trennen – fremd ist. Wie Tyll, der hoch oben auf dem Seil auf die sich prügelnden Dorfbewohner blickt, schauen wir als Leser auf eine längst vergangene Zeit. Doch während Tyll aus vollem Leib lacht, bleibt uns das Lachen im Halse stecken.

Da erschien Tyll Ulenspiegel drüben im Kirchturmfenster. Er winkte, sprang aufs Fensterbrett, trat aufs Seil. Er tat das, als wäre es nichts. Er tat es, als wäre es nur ein Schritt wie jeder. (…) Er schwankte nicht und suchte nicht nach Gleichgewicht, er ging einfach.

Manche Stellen in Tyll sind grausam, fast verstörend, jedoch niemals um Sensation heischend. Tylls Kindheit, die wohl stellvertretend für die Kindheit der meisten Menschen in jener Zeit stehen kann, ist erschütternd und die Erziehungsmethoden, wenn man sie denn so nennen mag, streng. Die Sitten sind unbarmherzig und hart und das Leben ist – auch abseits des Kriegs – stets gefährdet.

In Schlüsselszenen arbeitet Kehlmann mit einer starken Farbsymbolik, die mich beeindruckt und fasziniert hat. So manches Bild geht mir gerade wegen der erzählten Farben nicht mehr aus dem Kopf. So gerne ich würde, ich gehe nicht ins Detail, es soll nicht zu viel verraten werden. Zum Inhalt deshalb nur noch so viel: Tyll ist keine historische Biografie, vielmehr ist die Figur des Tyll ein Faden, der die ansonsten losen acht Kapitel des Romans miteinander verwebt. Ein Historienepos ist das Roman jedoch auch nicht. Er lässt sich leicht und ohne Anstrengung lesen, wirkt aber dennoch nach.

Ebenfalls beeindruckt hat mich die Erzählstimme des Romans, die Worte sind so perfekt ausbalanciert wie Tyll es hoch oben auf seinem Seil ist. Selbst die grässlichsten Szenen sind ruhig und gleichzeitig gewandt erzählt. Nur einmal kommt die schöne, leichte Erzählmelodie ins Schwanken, denn die Worte „modisches Accessoire“ empfand ich als Stolperstein.

Begeistert hat mich: die Typografie


Tyll ist von seinem Autor nicht nur mit Liebe und Kunstfertigkeit geschrieben, sondern vom Verlag auch mit ebenso viel Herzblut gedruckt und verlegt. Ich habe einen Faible für Typografie und die des Romans fällt sofort ins Auge, die Seiten sehen fantastisch aus. Die Haptik kommt jedoch auch nicht zu kurz: Das Papier fühlt sich hochwertig(er als das vieler anderer Bücher) an.

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann


Daniel Kehlmann wurde 1975 in München geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik. Sein Debütroman Beerholms Vorstellung erschien 1997. Kehlmann gelang der literarische Durchbruch mit dem Roman Ich und Kaminski, der 2003 erschien und 14 Sprachen übersetzt wurde. International erfolgreich war der Beststeller-Roman Die Vermessung der Welt, welcher bereits in 30 Sprachen übersetzt wurde.

TYLL von DANIEL KEHLMANN
Rowohlt Verlag. 480 Seiten. 22,95 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.

Vielen Dank an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar!

Kommentar (1)

  1. Hallo Katharina,
    ganz kurz: toller Text, toller Blog! Freut mich sehr!
    Eine neue Leserin. 😉

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