Wem erzähle ich das von Ali Smith

Mit Klappentexten ist es so eine Sache. »Die Buchbeschreibung war so dumm, dass ich das Buch gleich wieder zurückgelegt habe!«. Don’t judge a book by its cover, lautet das geflügelte Wort und selbigs sollte (in vielen Fällen) auch für den Klappentext gelten. Es gibt jedoch auch Klappentexte, die lassen das Herz höher schlagen. Dem Luchterhand Literaturverlag ist ebendies mit seiner Beschreibung von Ali Smith‘ Roman »Wem erzähle ich das« gelungen.

Beim Lesen der folgenden Worte schlug mein Herz höher: „Wenn Ali Smith die Regeln des Erzählens erklärt, entfalten sich Geschichten. Ihre Vorlesungen über Literatur sind eine Liebesgeschichte, wie sie noch keiner je gehört hat – eine Geschichte zweier Liebender ebenso wie die Geschichte der Liebe des Menschen zur Kunst und was sie für unser aller Leben bedeutet.“ Vorlesungen über Literatur? Ich habe im Laufe meines Studium unzählige gehört, kann jedoch niemals genug davon bekommen. Wer mag, kann sich Vorträge von Ali Smith auch bei YouTube anschauen!

Rezension Ali Smith Wem erzähle ich das? Luchterhand Verlag

Wer ist Ali Smith?

Ali Smith ist gebürtige Schottin und lebt in Cambridge. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde für ihre Romane und Erzählungen bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Ali Smith arbeitete zunächst als Dozentin für Literatur in Cambridge, musste diesen Traumberuf jedoch aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Kurzerhand verlegte sie sich auf das Schreiben, was ein großes Glück ist, denn so ist ihr Genie nicht allein den Studenten der britischen Elite Universität vorbehalten.

Artful: Erzählung? Essay? Oder beides?

Wem erzähle ich das trägt im englischen Original den Titel Artful und genau das ist dieses Buch: Kunstvoll. Kunstvoll in allen Bedeutungen des Wortes. Wem erzähle ich das ist ein raffiniertes, meisterhaftes Buch, das voller Kunst steckt. Es lässt sich in keine eindeutige literarische Kategorie drängen: Ist es eine Erzählung? Eine Essaysammlung? Beides? Wem erzähle ich das ist ein ruhiges Buch, es hat kaum Handlung und ist doch so voller Inhalt, voller Tiefe. Literatur, Kunst und Kultur: Alles findet auf den nur 224 Seiten, die so gehaltvoll sind, dass man hätte drei Bände daraus machen können, seinen Platz. Für mich ist dieses schmale Buch eine große Liebeserklärung an die Geisteswissenschaften. Es ist ein Buch, mit dessen Verstehen ich noch immer nicht am Ende angelangt bin. Ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann.

Im Zentrum steht das Unvermeidliche. Das Ende, der Tod. Aus unserer Merkwelt wird der Tod verdrängt. Wer jedoch die Erfahrung des Verlustes machen musste, dem gelingt dieses Verdrängen nicht mehr. Smith‘ Protagonistin hat ihre Lebenspartnerin verloren. Als Geist, taucht sie wieder auf. Treibt Schnabernack, der aus dem Buch jedoch keine gruselige Schauergeschichte macht, sondern die tiefe Verzweiflung, die tiefe Trauer, die ein Mensch empfinden kann, aufs Deutlichste darstellt. Was bleibt, wen jemand geht? Wie fühlt sich Verlust an? Gerade die letzte Frage beantwortet Smith auf wunderbar (literarische) Art und Weise. Verlust grenzt ab:

Ich betrachtete die Frau und dachte im Stillen, sie hat nichts verloren. Sie ist noch nie von irgendetwas verunsichert gewesen. Sie hat einen Mann. Er singt unter der Dusche.

(…) Ich wollte mir nur für einen Augenblick ausmalen, wie ein Schatten über das Gesicht von jemandem zieht, der sich anscheinend besser als ich darauf verstand zu enträtseln, was in meinem Leben vor sich ging, ein Schatten der Welt, der ich mich eng verbunden fühlte und mit dem sie und ihr Mann, der unter der Dusche sang und eine Sprache beherrschte, die ich nicht sprach, und alle anderen Leute auf der Welt, deren Leben noch heil und unkompliziert und erklärlich war, keine Berührung hatten.

Die verstorbene Geliebte war eine begnadete Kunst- und Literaturwissenschaftlerin. Auch ein Jahr und einen Tag nach ihrem Tod kann Smith‘ Ich-Erzählerin nicht loslassen, alles erinnert sie an die Verstorbene, deren Vorlesungen überall in der Wohnung verstreut liegen. Es entspinnt sich ein Dialog mit der Erscheinung der Geliebten über Alfred Hitchcock, Salvador Dalí, Shakespeare, Sappho, Michelangelo. Über das Erzählen. Über all dem – oder durch all das – gewinnt die Ich-Erzählerin ihren Lebensmut wieder, ihre Lust am Sein. Ihre Neugierde. Aber ist das nicht dasselbe?

Als ich mit dem Anruf bei der Arbeit fertig war, ging ich (sehr schnell) ins Internet und suchte nach Sprachschulen, die es hier am Ort gab. (…) Schon bald würde ich ein neues Alphabet kennen, schon bald mit Hilfe eines Lehrbuchs für Fünfjährige ein paar sehr einfach Sätze sprechen können.

»I will keep this book on my shelves forever.«

Ein Zitat von Dwight Garner, der für die New York Times schreibt, ziert die englische Originalausgabe: »I will keep this book on my shelves forever.« Besser lässt sich ein Fazit zu diesem Buch nicht formulieren. Wem erzähle ich das ist ein brillantes Buch für Kunst- und Kulturversessene. Danke, Ali!

WEM ERZÄHLE ICH DAS von ALI SMITH
Luchterhand Verlag. 224 Seiten. 20 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.

Vielen Dank an den Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar!

Author: Katharina Siekmann

Katharinas Steckenpferd ist die Literatur. Auf ktinka.com schreibt sie über Klassiker der Literatur und stellt literarische Neuerscheinungen vor.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.