Sag nicht, wir hätten gar nichts von Madeleine Thien

Rezension | Madeleine Thien | Sag nicht, wir hätten gar nichts | Luchterhand Verlag

In »Sag nicht, wir hätten gar nichts« spannt Madeleine Thien den Bogen vom China der 1940er Jahre bis in unsere Zeit. Im Zentrum stehen zwei eng miteinander verbundene Musikerfamilien und ihr, mit den politischen Wirren des Landes verwebtes, Schicksal.

Die Schriftstellerin Madeleine Thien wurde 1974 in Vancouver geboren. Ihre Eltern waren in den 60er Jahren nach Kanada ausgewandert. Thien studierte Creative Writing an der University of British Columbia und schloss das Studium mit einem Master of Arts ab. Der literarische Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Bald gewann Thien erste Preise in Literatur-Wettbewerben und sie entschloss sich das Schreiben zu ihrem Hauptberuf zu machen.

Rezension | Madeleine Thien | Sag nicht, wir hätten gar nichts | Luchterhand Verlag

Ihr Roman Sag nicht, wir hätten gar nichts (Engl. Do not say we have nothing) stand auf der Shortlist des Man Booker Prizes 2016 und gewann den Governer General’s Literary Award und den Scotiabank Giller Prize, die zu den höchsten Literaturpreisen Kanadas zählen.

Sag nicht, wir hätten gar nichts: Familiengeheimnissen auf der Spur

 

„In nur einem Jahr verließ uns mein Vater zweimal. Das erste Mal, um seine Ehe zu beenden, und das zweite Mal, als er sich das Leben nahm.“

Marie, die Erzählerin der Geschichte, lebt mit ihrer Mutter in Kanada und versteht nicht, warum ihr Vater, seines Zeichens Musiker, nach China zurückgekehrt ist. Der Roman beginnt mit dem Satz: „In nur einem Jahr verließ uns mein Vater zweimal. Das erste Mal, um seine Ehe zu beenden, und das zweite Mal, als er sich das Leben nahm.“ Das war 1989. Wenig später nimmt die Mutter die neunzehnjährige Ai-ming auf, die nach den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens aus Peking geflohen ist. Ai-mings Vater und Maries Vater scheinen eng befreundet gewesen zu sein und Marie beginnt der gemeinsamen Geschichte nachzuspüren. Immer weitere Geheimnisse kommen ans Tageslicht.

Natürlich gilt es dabei viele Hürden zu überwinden. Eine davon ist die Sprache. Dieses Hindernis hat Thien auf spannende Weise in ihren Roman eingeflochten: Immer mal wieder ist ein chinesisches Schriftzeichen abgedruckt und auch erklärt. Man ahnt die Schwierigkeit, die das Erlernen dieser Sprache auch dem Wissbegierigsten bereiten kann.

Dunkle Kapitel in Chinas Geschichte

Thien erzählt, mitunter auf sehr emotionale Weise, die Lebensgeschichten dieser Musiker, ihrer Familien und Freunde, die in den Strudel der Politik hingeraten. Sie erzählt von der kommunistischen Revolution von Mao Tse Tung Ende der 1940er Jahre, von den Schrecken der Kulturrevoltion, die das Land in den 1960er Jahren erschütterte. Tausende Menschen, darunter Künstler, Journalisten, Ärzte und Lehrer wurden ermordetet, in Umerziehungslager gesperrt oder ins Exil getrieben. Die Angst vor Denunzierung, selbst durch Familie und Freunde, war allgegenwärtig. 1989 kam es zu Protesten junger Leute auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die in dem Tian’anmen-Massaker gipfelten.

Die realhistorischen Ereignisse, die als Kulisse für Thiens Erzählung dienen, sind ein düsteres Kapitel in der Geschichte Chinas. Sie sind brutal und grauenhaft. Die Schlagworte „Kulturrevolution“ oder „Tian’anmen Massaker“ sind fast jedem geläufig, doch Thien zeichnet mit ihrem Roman ein lebendiges Bild einer bedrohlichen Zeit und füllt die Schlagworte mit (manchmal unerträglicher) Bedeutung. Was sich nach einer Dystopie à la Margaret Atwood oder George Orwell anhört, war bittere Realität in China. Phasen der Ruhe wechseln sich mit Phases des Aufruhrs ab. Sag nicht, wir hätten gar nichts sehr lesenwert. Es ist ein bewegendes Buch, das nicht zuletzt die Macht der Musik (und der Kunst?) thematisiert.

SAG NICHT, WIR HÄTTEN GAR NICHTS von MADELEINE THIEN
Luchterhand Verlag. 656 Seiten. 24 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.

Vielen Dank an den Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar!

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