Sprach(GEWALT)ig: Louis & Leyshon

Édouard Louis - Im Herzen der Gewalt (S.Fischer Verlag) | Nell Leyshon - Die Farbe von Milch (Eisele Verlag)

Im Herzen der Gewalt aus der Feder des jungen französischen Schriftsteller Édouard Louis und Die Farbe von Milch der britischen Dramatikerin und Autorin Nell Leyshon sind keine Bücher, mit denen man es sich lauschig macht. Beide Romane erzählen alptraumhafte Geschichten. Dennoch gehören sie zu jenen Büchern, die in den vergangenen Wochen den größten Eindruck auf mich gemacht haben. Das lag vor allem an einem: Ihrer Literarizität.
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 „Im Herzen der Gewalt“ von Édouard Louis

Die letzten Seiten von Édouard Louis Roman Im Herzen der Gewalt las ich noch im alten Jahr. Seitdem habe ich einige Klassiker gelesen (etwa Der Mann, der den Zügen nachsah von George Simenon und Der dritte Mann von Graham Greene) und habe den neuen Roman von Haruki Murakami (mit all seinen Geistern) verschlungen. Im Herzen der Gewalt wollte mir jedoch nicht aus dem Sinn. Bereits als ich das erste Mal von dem Roman im Feuilleton las, beschloss ich, dass ich den Roman des französischen Schriftstellers, dessen literarisches Debüt Das Ende von Eddy in Frankreich ein kolossaler Erfolg war, lesen musste – meinem (bereits schwankenden) Stapel mit Büchern, die zu lesen sind zum Trotz. Als ich zu lesen begann, bannte mich das Buch mehr und mehr. Und auch wenn der Roman jetzt ausgelesen im Regal steht, ein entlegener Winkel meines Gehirns ist noch immer mit ihm beschäftigt.

Gegen sechs Uhr morgens zog er eine Waffe und sagte, er werde mich töten

»Ich begegnete Reda an einem Weihnachtsabend in Paris, auf dem Heimweg von einem Abendessen mit Freunden gegen vier Uhr früh. Er sprach mich auf der Straße an, am Ende lud ich ihn ein, in meine Wohnung mitzukommen. (…) Wir verbrachten die restliche Nacht miteinander, unterhielte uns, lachten. Gegen sechs Uhr morgens zog er eine Waffe und sagte, er werde mich töten.«  Der S. Fischer Verlag, bei dem die deutschsprachige Ausgabe erschienen ist, lässt den Schriftsteller im Klappentext selbst zu Wort kommen. Man mag fragen: Spielt das eine Rolle?

Ja! Denn es berührt den tiefen Kern von Louis‘ Roman. Wann immer ich versuchte den Inhalt von Im Herzen der Gewalt zu rekapitulieren – sei es für diesen Artikel oder weil ich bei der Lektüre gefragt wurde, was ich gerade lese -, erschien mir meine Zusammenfassung als völlig unzureichend. Und genau das ist des Pudels Kern.

»Ich erkannte meine eigenen Erinnerungen nicht wieder, als ich sie schilderte … «

Die Macht der Sprache, die Frage nach der Wahrheit und die (zwangsläufige) Verfälschung ebenjener in einer Nacherzählung sind die Leitmotive von Louis‘ Roman: »Ich erkannte meine eigenen Erinnerungen nicht wieder, als ich sie schilderte; die Fragen der beiden Beamten zwangen mich, die Nacht mit Reda anders darzustellen, als ich es gewollt hätte, ich wusste, wenn es mit dem Bericht so weitergehen würde, dann würde es wegen ihrer Fragen oder wegen der Richtung, die sie mir aufdrängten, unmöglich, noch einmal zurückzuspulen.«

Jeder, dem der Ich-Erzähler seine Geschichte erzählt, erschafft seine eigene Variante der Geschehnisse. Seine Freunde, die Ärzte, die Polizisten. Nacherzählung ist immer auch Interpretation. Louis‘ spiegelt das auf fabelhafte Weise anhand der ungewöhnlichen Erzählsituation: Immer wieder unterbricht der Ich-Erzähler seine Schilderungen um seiner Schwester Clara das Wort zu geben, die ihrerseits ihrem Ehemann erklärt, was ihrem Bruder am Weihnachtsabend in Paris widerfahren ist. Eben jener steht währenddessen unbemerkt hinter einer Tür und lauscht den Worten seiner Schwester. Doch nicht nur das, er kommentiert und korrigiert Claras Version. Diese Einschübe sind kursiv gedruckt und in Klammern gesetzt. Eine erzähltechnische Raffinesse, die mich an den berühmten V-Effekt à la Bertholt Brecht erinnert. Die Bemerkungen des Ich-Erzählers, sein Widerspruch gegen die Aussagen seiner Schwester, sind dazu angetan eine gewisse Distanz zum Erzählten, zu der Version des Erzählten, anzumahnen. Was passierte in jener Nacht? Und warum? Louis‘ lässt nicht zu, dass der Leser sich zurück lehnt und jede Nacherzählung samt Interpretation für bare Münze nimmt. Stattdessen ist Im Herzen der Gewalt eine Spurensuche, an deren Ende nur die Gewissheit steht, dass es die eine Wahrheit nicht gibt.

Spannungsverhältnis zwischen Form und Inhalt

Für mich war die Literarizität des Werks, das Spannungsverhältnis zwischen Form und Inhalt ist faszinierend. Perspektive und Sprachebene (ebenfalls gelungen ist der Wechsel der Stimmen, der Klangfarben der Figuren. Wortwahl und Syntax des Ich-Erzählers und seiner Schwester Clara unterscheiden sich deutlich) bilden für mich den größten Reiz dieses Buch zu lesen. Hinrich Schmidt-Henkel hat den Roman wirklich grandios aus dem Französischen ins Deutsche übertragen, denn es ist ihm gelungen die französische Sprachmelodie beizubehalten.

IM HERZEN DER GEWALT von ÉDOUARD LOUIS
S. Fischer Verlag. 217 Seiten. 20 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.[/stnsvn-col-2]
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„Die Farbe von Milch“ von Nell Leyshon

»Schön, aufgeweckt und reich, bei einem sorgenfreien Zuhause und einem glücklichen Naturell …«, bitte? Richtig, nicht etwa Die Farbe von Milch von Nell Leyshon eröffnet mit diesen Satz, sondern Jane Austens berühmter Roman Emma. Nell Leyshon richtet ihren Blick weg von schönen Töchtern aus gutem Haus. Weg von Picknicks, von Spazier- und Überlandfahrten in Kutschen. Weg von stattlichen Landsitzen wie Pemberley, wo Austens Elizabeth Bennet mit ihrem Mr. Darcey ein – hoffentlich – heiteres und zufriedenes Leben führt, während Mary, so heißt Leyshons Heldin, mit dem Erzählen ihrer Geschichte beginnt: »Dies ist mein Buch und ich schreibe es eigenhändig. Es ist das Jahr des Herrn achtzehnhundertundeinunddreißig und ich bin fünfzehn geworden und sitze an meinem Fenster und kann viele Dinge sehen.«

»Dies ist mein Buch, und ich schreibe es eigenhändig.«

Soziale Missstände beschrieb bereits Dickens eindringlich und auch bei den Brontë-Schwestern herrschte nicht nur eitel Sonnenschein. Dennoch kam mir beim Lesen von Die Farbe von Milch zuallererst Jane Austen und die von ihr dargestellte Welt in den Sinn. Dabei könnte der Kontrast zwischen Austen und Leyshon nicht größer sein. Vielleicht brachten die verschlungenen Pfade meines Gehirns deshalb die beiden Schriftstellerinnen deshalb zu einer merkwürdigen Kombination zusammen. Bei Leyshon wie bei Austen ist die Heldin ein junges Mädchen. Ein Kind. Mary ist gerade fünfzehn Jahre alt geworden, und anders als Emma Woodhouse weder schön, noch reich, noch mit einem sorgenfreien Dasein gesegnet. Au contraire: Marys Leben ist – gelinde gesagt – beschwerlich. Sie lebt auf einem Bauernhof, ist tagtäglich mit dem harten Leben auf dem Acker konfrontiert und noch dazu gestraft mit einer Familie, in der es an vielem mangelt, aber am meisten an Wärme, Liebe und Zuneigung. Aufgeweckt ist sie jedoch allemal und wäre ihr Leben nur ein wenig anders verlaufen, hätte man ihr sicher auch ein glückliches Naturell bescheinigen können.

Anders als bei Austens lässt Leyshon ihre Protagonistin selbst zu Wort kommen. Immer wieder heißt es im Roman: »Dies ist mein Buch, und ich schreibe es eigenhändig.« Eigenhändig. Warum legt Mary so viel Wert darauf, uns wissen zu lassen, dass sie die Zeilen eigenhändig schreibt? Warum erinnert sie immer wieder daran?

Malala & #metoo

Leyshon situiert ihre Geschichte im England des 19. Jahrhundert, aber auch heute noch gibt es Gesellschaften, in denen Mädchen die Möglichkeit auf Bildung, auf ganz elementare Bildung wie Lesen und Schreiben, verweigert wird. Man denke nur an Malala Yousafzai, die sich in ihrem Heimatland Pakistan für die Bildung von Mädchen und Frauen engagierte und dafür fast mit ihrem Leben zahlte. Und auch die gerade aktuelle #metoo – Bewegung erscheint umso dringlicher, je bewusster man sich wird, dass alles, was schon schlimm erscheint, noch schlimmer sein kann.

Marys Geschichte ist eine der traurigsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe, gleichzeitig ist Mary jedoch eine der stärksten und liebenswürdigsten Frauenfiguren, die mir jemals in der Literatur begegnet sind. Geschuldet ist das der geschickten Verwebung von stofflichen und sprachlichen Mitteln. Marys Sprache ist zwar reduziert und die Interpunktion auf ein Minimum reduziert (noch weniger Kommata und der Text wäre unlesbar geworden), aber dennoch ungeheuer ausdrucksstark und tief berührend. Marys Geschichte beginnt zu einer Zeit, in der sie weder Lesen noch Schreiben konnte. Der Roman erzählt nicht nur wie sie es lernte, sondern auch welch hohen Preis sie dafür – wie Malala – zahlte.

DIE FARBE VON MILCH von NELL LEYSHON
Eisele Verlag. 207 Seiten. 18 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag.[/stnsvn-col-2][/stnsvn-col-row]

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