Washington Square von Henry James

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Um es gleich vorweg zu sagen: Von Henry James kommt man nicht mehr los. Mein #JamesFever begann mit Die Kostbarkeiten von Poyton. Als der letzte Satz gelesen war, klappte ich das Buch zu und atmete tief durch. Obwohl ich viel lese, hatte der Roman eine Herausforderung dargestellt: Wenig Handlung. Die Sätze lang, mäandernd. Und doch! Der berühmte James’sche Zauber hatte gewirkt. Wenig später fand ich mich mit Washington Square in Händen wieder.

Liebt er sie? Oder liebt er sie nicht?

Catherine Sloper ist – ich zitiere James‘ Erzähler – ein Allerweltskind und ihr Vater, seines Zeichens angesehener New Yorker Arzt, wird nicht müde über die Schlichtheit seiner Tochter zu schwadronieren. Das arme Ding kann einem Leid tun. Als der gutaussehende Morris Townsend auftaucht und um die Hand von Catherine anhält, ist er sicher, dass der junge Herr (ohne Anstellung aber mit abenteuerlichen Geschichten im Gepäck) nur das ansehnliche Vermögen seiner Tochter im Sinn hat und fest entschlossen diese Verbindung zu verhindern.

Die arme Catherine steht fortan zwischen den Stühlen und im männlichen Gerangel um sie (ihr Vater auf der einen, Morris Townsend auf der anderen Seite) wächst vor allem eines: Die Sympathie des Lesers für die junge Dame. Washington Square – so viel sei verraten – ist ein Roman ohne Happy End: »Unterdessen hatte Catherine  im Salon ihre Handarbeit wieder aufgenommen und sich damit niedergelassen – gewissermaßen fürs Leben.« Der Weg in die Einsamkeit der Protagonistin ist jedoch eine unbedingt lesenswerte Charakterstudie!

Wie bereits in Die Kostbarkeiten von Poynton (welches zu James‘ Spätwerk zählt) wusste ich in Washington Square nie recht, woran ich bin. Kaum glaubte ich Morris Townsend als elenden Mitgiftjäger entlarvt zu haben, erschien mir eine Seite später alles in einem völlig anderen Licht. Vielleicht lehren die Romane von Henry James vor allem eins: Etwas über uns selbst und unser Menschenbild.

Washington Square in neuer Übersetzung

Eingangs erwähnte ich bereits, dass die Lektüre von Die Kostbarkeiten von Poynton „schwere Kost“ war und ein gehöriges Maß an Konzentration erforderte. Umso überraschter war ich, wie leicht sich dagegen Washington Square lesen ließ. Bettina Blumenberg hat den Roman neu ins Deutsche übertragen und – entgegen vieler Meinungen – finde ich ihre Neuübersetzung nicht herausragend. Sie erscheint mir zu angepasst, zu geschliffen, zu weit entfernt von James‘ Original, in das ich einen Blick geworfen habe und dessen Sprachmelodie mir in der Übersetzung fehlt. Vielleicht lese ich meinen nächsten Henry James – ich brenne schon darauf – im Original.

WASHINGTON SQUARE von HENRY JAMES
Penguin Verlag. 261 Seiten. 12 Euro.
Taschenbuch.

Vielen Dank an den Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar!

Kommentar (1)

  1. Das macht auf jeden Fall neugierig auf Henry James. In „Reading Lolita in Tehran“ von Nafisi, das ich letztens las, wurde auch Henry James (mit Daisy Miller und Washington Square) erwähnt. Ich sollte mir ihn auch mal vornehmen in diesem Jahr.
    Liebe Grüße
    Andrea

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